
Grönemeyer im Dom: Chorabend gegen rechts – 9 Tage vor der Wahl

Herbert Grönemeyer hat am Donnerstagabend im Magdeburger Dom gesungen – gemeinsam mit rund 350 Sängerinnen und Sängern aus neun Chören der Region. Der Anlass war unüberhörbar politisch: In neun Tagen, am 6. September, wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Das Konzert war nicht öffentlich, die begrenzten Plätze gingen an Familien und Freunde der Mitwirkenden.
Ein Kirchenschiff als Bühne für den Wahlkampf
Organisiert wurde der Abend nach Medienberichten gemeinsam mit dem Verein „Heimatbewegen“ und der Initiative „Gemeinsame Sache“. Beteiligt waren unter anderem Sebastian Krumbiegel von den Prinzen und die Band Santiano.
Der 70-jährige Musiker macht keinen Hehl aus der Stoßrichtung. Er sehe die Entwicklung im Land mit Sorge, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Und weiter:
„Aber nur besorgt zuzuschauen, reicht auch nicht. Wir wollen nichts bagatellisieren. Für mich heißt das vielmehr, selbst etwas zu tun und Haltung zu beziehen, wo Menschen ausgegrenzt oder herabgewürdigt werden“
Gegenüber MDR Kultur nannte Grönemeyer den Chor ein „wunderbares Symbol“ für Gemeinschaft: Viele unterschiedliche Stimmen und Meinungen kämen zusammen und erlebten, wie schön es klingen könne, wenn sie gemeinsam erklingen.
Die Zahlen, gegen die hier angesungen wird
Der Hintergrund ist eine Umfragelage, die für die etablierten Parteien im Land dramatisch ist. In der letzten Erhebung von Infratest dimap vor der Wahl kam die AfD Medienberichten zufolge auf 42 Prozent, die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze auf 22 Prozent – für die Union ein historisches Tief in Sachsen-Anhalt.
Zum Vergleich: 2021 holte die CDU noch rund 37 Prozent, die AfD 20,8 Prozent. Innerhalb einer Legislaturperiode hätte sich das Kräfteverhältnis damit schlicht umgedreht. Ob es für eine absolute Mehrheit reicht, hängt laut den Berichten vor allem daran, wie viele Kleinparteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.
Warum Appelle von der Bühne selten Wähler bewegen
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart der Abend vor allem ein Grundproblem des politischen Betriebs: Wer Zustimmungswerte von über 40 Prozent für eine Oppositionspartei allein mit Konzerten, Appellen und Haltungsnoten beantworten will, behandelt Symptome statt Ursachen. Kritiker fragen zu Recht, ob Prominente aus Westdeutschland ausgerechnet in Sachsen-Anhalt die Adresse für Nachhilfe in politischer Moral sind.
Denn die Sorgen, die Umfragen in Ostdeutschland seit Jahren spiegeln, heißen nicht „zu wenig Chorgesang“: Migration und innere Sicherheit, Energiepreise, Bürokratie, De-Industrialisierung, ein spürbarer Vertrauensverlust in Berliner Politik. In Magdeburg, wo im Dezember 2024 ein Anschlag auf den Weihnachtsmarkt verübt wurde, dürfte das Thema Sicherheit besonders schwer wiegen.
Grönemeyer hat sich schon früher deutlich gegen die AfD positioniert; bei einem Benefizkonzert forderte er, man könne „Haltung trainieren“. Das ist sein gutes Recht – Künstler dürfen politisch sein. Die Frage bleibt nur, ob ein nicht-öffentliches Konzert vor geladenen Gästen jene erreicht, um deren Stimmen es am 6. September geht.
Was am 6. September auf dem Spiel steht
Eines ist sicher: Sachsen-Anhalt wird zum Stimmungstest für die schwarz-rote Bundesregierung unter Friedrich Merz. Fällt das Ergebnis so aus, wie es die Umfragen nahelegen, wird die Debatte über politische Versäumnisse mit Musik allein nicht mehr zu übertönen sein.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung dar.

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