
Grönland und die amerikanische Expansion: Ein historisches Muster wiederholt sich

Die Debatte um Grönland erhitzt die Gemüter auf beiden Seiten des Atlantiks. Während europäische Politiker empört aufschreien und von Völkerrechtsbruch sprechen, lohnt sich ein nüchterner Blick auf die historischen Zusammenhänge – und auf die Frage, wer eigentlich in der Lage wäre, diese strategisch bedeutsame Insel langfristig zu sichern und zu entwickeln.
Die amerikanische Expansion: Eine Geschichte des "Use it or loose it"
Die Vereinigten Staaten von Amerika umfassten bei ihrer Gründung 1776 gerade einmal vier Prozent ihres heutigen Territoriums. Was folgte, war eine beispiellose Expansion, die sich über mehr als ein Jahrhundert erstreckte. Der Pariser Friedensvertrag von 1783 verdoppelte das Staatsgebiet bis zu den Appalachen. Zehn Jahre später erwarben die Amerikaner das sogenannte Louisiana-Territorium von Frankreich für lediglich 15 Millionen Dollar – eine weitere Verdopplung des Landes.
Florida ging 1819 für fünf Millionen Dollar an die USA, Alaska wechselte 1867 für 7,2 Millionen Dollar von Russland den Besitzer. Nicht immer verliefen diese Transfers friedlich – Mexiko verlor 1845 nach einem Krieg die Hälfte seines Territoriums, darunter Kalifornien und Texas. Doch eines hatten all diese Gebiete gemeinsam: Sie waren dünn besiedelt, meist von nomadisierenden Indianerstämmen bewohnt, und die USA rechtfertigten ihre Expansion stets mit dem Argument: Wenn wir das Land nicht nehmen, dann nehmen es andere.
Die Monroe-Doktrin und das Prinzip der Landnutzung
Die 1823 formulierte Monroe-Doktrin ist eng mit dieser Expansionspolitik verknüpft: Amerika den Amerikanern – keine kolonialen Mächte mehr auf dem Kontinent. Abraham Lincoln machte 1862 mit dem "Homestead Act" ein Prinzip zum Gesetz, das bereits die Gründerväter um Thomas Jefferson verfochten hatten: Das Land gehört dem, der es urbar macht und bewirtschaftet. Diese Wildwest-Logik mag uns Europäern fremd erscheinen, doch sie hat den gesamten amerikanischen Kontinent geprägt.
Und genau mit dieser Logik rechtfertigt nun auch Donald Trump seinen Griff nach Grönland. Mag sein Auftreten rüde erscheinen, mag es alle diplomatischen Gepflogenheiten mit Füßen treten – bei nüchterner Betrachtung muss man konstatieren: Die Dänen sind weder willens noch in der Lage, ihre alte Überseekolonie zu bewirtschaften, geschweige denn zu verteidigen. Die 50.000 Grönländer – zu 90 Prozent Inuit, also amerikanische Ureinwohner – erst recht nicht.
Strategische Bedeutung im Zeitalter schmelzender Gletscher
Die schmelzenden Gletscher Grönlands geben nicht nur den Zugang zu wertvollen Rohstoffen frei – darunter seltene Erden, die für die moderne Technologie unverzichtbar sind. Sie eröffnen auch neue Schifffahrtsrouten in der Arktis, bei denen Grönland eine strategische Schlüsselposition einnimmt. Dieses Vakuum wird früher oder später den Appetit fremder Mächte wecken. China hat bereits in zahlreichen Ländern Afrikas und Europas seinen "Investitions-Imperialismus" in Stellung gebracht. Russland verfügt über eine gewaltige Eisbrecherflotte an seiner arktischen Küste.
Die Vereinigten Staaten sind, neben Kanada vielleicht, als einzige Macht in der Lage, dieses Territorium zu sichern. Und dass sie das nicht gratis tun mögen, ist nachvollziehbar. Europa hingegen hat es einmal mehr verspielt – die europäischen NATO-Staaten haben sich jahrzehntelang auf den militärischen Schutz der USA verlassen und dabei jährlich 50 bis 75 Milliarden Euro an Verteidigungsausgaben eingespart.
Die Grönländer am Scheideweg
Voraussetzung für jede Lösung ist selbstverständlich, dass auch die Grönländer mitmachen. Immerhin müssen sie nicht befürchten, in irgendwelche Reservate vertrieben zu werden – auf absehbare Zeit ist Grönlands größtes Problem weiterhin, dass nur wenige Menschen dort leben wollen. Die Insel ist 1985 aus der EU ausgetreten und hat seither eine weitgehende Autonomie von Dänemark erlangt.
Die Frage, die sich die Grönländer stellen müssen, ist letztlich simpel: Wollen sie weiterhin als marginalisierte Bittsteller von dänischen und europäischen Subventionen abhängig sein? Oder wollen sie ihre eigenen Bodenschätze nutzen und an der geostrategischen Bedeutung einer künftigen Nordwestpassage partizipieren? Ob als Freistaat wie Puerto Rico oder als Bundesstaat wie Hawaii 1959 – die Optionen liegen auf dem Tisch.
Ein unbequemer Realismus
So abscheulich Trumps Säbelrasseln anmutet, so vernünftig ist das dahinterstehende Anliegen. Die europäische Empörung wirkt vor diesem Hintergrund wie das Aufbäumen einer alten Kolonialmacht, die ihr Territorium nicht mehr halten kann, aber auch nicht loslassen will. Dänemark hat Grönland über Jahrzehnte vernachlässigt – die Geschichte der Zwangsassimilation der Inuit, der Zwangsverhütung in den 1960er und 70er Jahren und der kulturellen Unterdrückung ist gut dokumentiert.
Die Welt hat sich verändert. Die Arktis wird zum neuen geopolitischen Brennpunkt, und wer dort nicht präsent ist, wird von anderen verdrängt. Das mag man bedauern, aber es ist die Realität. Und in dieser Realität ist es für die Grönländer möglicherweise tatsächlich die vernünftigste Lösung, sich dem mächtigsten Staat des amerikanischen Kontinents anzuschließen – statt als vergessene Kolonie eines kleinen europäischen Königreichs zu verkümmern.












