
Hammer-Angriff auf Rüstungswerk: Wie verwundbar ist Europas Verteidigung?

Am Montag, dem 2. November, sind Aktivisten der Gruppe „People Against Genocide“ (PAG) in das Werk des Rüstungstechnik-Herstellers Ultra Intelligence & Communications (Ultra I&C) im englischen Tring in der Grafschaft Hertfordshire eingedrungen. Mit Vorschlaghämmern zerschlugen sie militärische Satellitentechnik, die dort gerade gefertigt wurde. Drei Personen wurden festgenommen.
Für das Werk war es nicht der erste Besuch dieser Art. Das macht die Sache noch brisanter.
Zweiter Überfall auf dasselbe Werk binnen vier Monaten
Die Gruppe hat das Video selbst in sozialen Netzwerken verbreitet. Darauf sieht man, wie Vermummte auf tragbare Satellitenterminals und große Parabolantennen einschlagen. Pro-palästinensische Medien behaupten, die Geräte seien für Israel bestimmt gewesen. Eine Bestätigung dafür gibt es bisher nicht.
Schon am 9. Juli waren PAG-Aktivisten in dieselbe Halle eingedrungen. Dabei sollen sie Medienberichten zufolge einen Schaden von rund 1,3 Millionen Pfund angerichtet haben. Im Laufe des Jahres traf es außerdem Standorte des Unternehmens in Cambridge, Aberdeen und Maidenhead. Da drängt sich eine unbequeme Frage auf: Warum kommen Saboteure mehrfach in sicherheitsrelevante Rüstungswerke einer NATO-Nation?
Symbolik mit Kalkül
Den Termin hatte die Gruppe bewusst gewählt. Er fiel auf den 109. Jahrestag der Balfour-Erklärung. Darin hatte die britische Regierung am 2. November 1917 ihre Unterstützung für eine „nationale Heimstätte“ des jüdischen Volkes in Palästina erklärt. In einer Stellungnahme warf PAG London vor, bis heute die israelische Armee zu unterstützen. Das Werk in Tring bezeichnete die Gruppe als „Todesfabrik“.
Nach Angaben der Aktivisten beliefert Ultra I&C die Firma UAV Tactical Systems in Leicester. Diese gehört zum israelischen Rüstungskonzern Elbit Systems. Das Unternehmen mit Hauptsitz in den USA entwickelt militärische Satelliten-, Kommunikations- und Verschlüsselungstechnik. Eine Stellungnahme von Ultra I&C zum jüngsten Vorfall lag zunächst nicht vor.
Das Netzwerk hinter den Anschlägen
Beobachter sehen in PAG einen Ableger von Palestine Action. Diese Gruppe hat die britische Regierung im Sommer 2025 nach einer Serie von Sabotageakten als Terrororganisation verboten. Offenbar hat das Verbot wenig gebracht. Es entstand einfach eine neue Gruppe unter neuem Namen, und die Methoden blieben dieselben.
Die pro-israelische Beobachterplattform Canary Mission warnte bereits im Mai vor einer öffentlich geteilten „Target Map“, die mit Palestine Action in Verbindung gebracht wird. Laut der Plattform verzeichnet die Karte Unternehmen, Zulieferer, Lager und Büros mit Verbindungen zur israelischen Rüstungsindustrie in Europa und Nordamerika. In einigen Fällen soll sie sogar Privatadressen von Beschäftigten enthalten.
Zulieferketten im Visier: Ein Weckruf auch für Deutschland
Bemerkenswert ist vor allem die Taktik. Die Gruppe hält keine Mahnwachen und schreibt keine Parolen an Fassaden. Sie greift gezielt die Lieferketten der Verteidigungsindustrie an. Das geschieht ausgerechnet jetzt, wo Europa angesichts des andauernden Ukraine-Kriegs händeringend aufrüsten will.
In US-Medien wird der Vorfall bereits in eine größere Welle linksextremer Unruhen in Europa eingeordnet. Dort ist auch von Ausschreitungen in Frankreich und Plünderungen in Deutschland die Rede. Wie weit diese Ereignisse tatsächlich zusammenhängen, muss sich noch zeigen.
Für Berlin ist das trotzdem eine Warnung. Die Bundesregierung steckt Milliarden in die Bundeswehr. Doch was bringt das, wenn ein paar Leute mit Werkzeug aus dem Baumarkt die Produktion lahmlegen können? Aus Sicht unserer Redaktion wäre es höchste Zeit, kritische Rüstungsstandorte genauso konsequent zu schützen, wie man sie finanziert. Sonst ist jeder Euro für die Verteidigung nur so sicher wie der Zaun um die Fabrik.
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