
Israels Weg in den Faschismus: Wenn Minister sich selbst als Faschisten bezeichnen

Was in Deutschland undenkbar wĂ€re, gehört in Israel mittlerweile zum politischen Alltag: Minister, die sich offen als Faschisten bezeichnen, Gerichte, die verzweifelt versuchen, einen Rest von Rechtsstaatlichkeit zu bewahren, und eine Gesellschaft, die sich in einem schleichenden BĂŒrgerkrieg befindet. Die sogenannte âeinzige Demokratie des Nahen Ostens" entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein Staat am Rande des Abgrunds.
Der Oberste Gerichtshof fordert ErklÀrungen
Am 4. Februar 2026 erlieĂ der israelische Oberste Gerichtshof einen bemerkenswerten Beschluss: Premierminister Benjamin Netanyahu muss nun begrĂŒnden, warum er seinen Minister fĂŒr âNationale Sicherheit", Itamar Ben Gvir, nicht lĂ€ngst entlassen hat. Die VorwĂŒrfe wiegen schwer: systematische Ăberschreitung seiner Befugnisse, Eingriffe in polizeiliche Ermittlungen, Politisierung der Polizei und Untergrabung der behördlichen UnabhĂ€ngigkeit.
Das Gericht hat angesichts der Schwere des Falles das Richtergremium auf neun Personen erweitert. Eine Anhörung ist fĂŒr den 24. MĂ€rz 2026 angesetzt. Netanyahu und Ben Gvir haben bis zum 10. MĂ€rz Zeit, ihre Stellungnahmen einzureichen. Die GeneralstaatsanwĂ€ltin Gali Baharav-Miara hatte bereits im Januar 2026 Ben Gvirs Handlungen als systematischen Machtmissbrauch eingestuft.
Ben Gvirs Reaktion: Putsch-VorwĂŒrfe gegen die Justiz
Die Reaktion des Ministers fiel erwartungsgemÀà aus. Ben Gvir warf dem Gericht vor, einen âPutsch" zu verĂŒben und den WĂ€hlerwillen ignorieren zu wollen. Seine Worte sprechen BĂ€nde ĂŒber sein DemokratieverstĂ€ndnis:
âDer Oberste Gerichtshof will nicht nur mich entlassen, er will die Nation entlassen, er will Millionen von WĂ€hlern entlassen und ihnen das Wahlrecht entziehen. Das wird nicht passieren, sie haben keine Macht, es wird keinen Putsch geben!"
Faschismus als Selbstbezeichnung
Was fĂŒr deutsche und österreichische Beobachter besonders verstörend wirken dĂŒrfte: In Israel ist die offene Diskussion ĂŒber Faschismus in der eigenen Regierung lĂ€ngst NormalitĂ€t. Ben Gvir wird regelmĂ€Ăig als Faschist bezeichnet â von der Soziologin Eva Illouz als âReprĂ€sentant des jĂŒdischen Faschismus", von Journalisten der Zeitung Haaretz aufgrund seiner Verehrung fĂŒr den Massenmörder Baruch Goldstein und den Rassisten Meir Kahane.
Noch bemerkenswerter ist jedoch die Selbstbezeichnung von Finanzminister Bezalel Smotrich. In einem aufgezeichneten GesprĂ€ch sagte er wörtlich: âIch bin ein faschistischer Homophober, aber ich werde Schwule nicht steinigen." Er fĂŒgte hinzu, dass seine WĂ€hler das nicht stören wĂŒrde, solange er sein Wort halte. Ein anderes Zitat von ihm lautet: âBen-Gurion hĂ€tte den Job beenden und die Araber rauswerfen sollen."
Faschist als Ehrentitel?
In Israel scheint die Bezeichnung âFaschist" unter Zionisten kein Schimpfwort mehr zu sein. Nur wenn man den Begriff gegen Nicht-Zionisten anwendet, gilt er als Abwertung. Diese semantische Verschiebung offenbart einen tiefgreifenden Wandel in der politischen Kultur des Landes.
Historische Parallelen zur Weimarer Republik
Bereits 2024 erschien in der israelischen Zeitung Haaretz ein Artikel mit dem Titel âIsrael steht am Rande des Faschismus. Wird es die Schwelle ĂŒberschreiten?" Historiker des Faschismus verglichen darin die Situation mit einem âMini-BĂŒrgerkrieg" Ă€hnlich der Weimarer Republik oder Italien vor Mussolinis Marsch auf Rom.
Die Symptome sind alarmierend: Gewalt in der Altstadt Jerusalems, die an SA-MĂ€rsche erinnert, eine politisierte Polizei unter Ben Gvirs Kontrolle und die systematische UnterdrĂŒckung linker Journalisten, die als âVerrĂ€ter" gebrandmarkt werden. Im Juni 2024 folgte ein weiterer Artikel ĂŒber Anklagen gegen linke Journalisten wegen Hochverrats â inklusive Aufrufen, diese zu hĂ€ngen.
Die Flucht der Liberalen
Das eigentliche Problem der israelischen Gesellschaft liegt in ihrer demografischen Entwicklung. Die liberalen und linken KrĂ€fte verlassen zunehmend das Land, wĂ€hrend extremistische Siedler nachziehen. Im Jahr 2025 verlieĂen etwa 69.300 Israelis das Land â ein Anstieg von 25 Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr und der höchste Wert seit Jahrzehnten.
Das Gesamtsaldo weist laut dem Taub Center einen Verlust von 37.000 Menschen auf. Es ist der zweite negative Saldo in Folge. Experten prognostizieren eine Fortsetzung dieses Trends. Der Analyst Dan Steinbock hatte diese Entwicklung vorausgesehen und sprach bereits von âThe Fall of Israel" â dem Untergang Israels.
Gerichte als letzte Bastion?
Die israelischen Gerichte bemĂŒhen sich, einen Rest von Rechtsstaatlichkeit zu sichern. Mehrere ehemalige Minister und Premierminister wurden wegen Korruption verurteilt, darunter Ehud Olmert zu 19 Monaten Haft wegen Bestechung. Doch bei Themen wie systematischer Diskriminierung oder VölkerrechtsbrĂŒchen bleiben die Gerichte weitgehend passiv.
Ein Beispiel: Der Oberste Gerichtshof verbot 2005 die Praxis, palĂ€stinensische Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Trotz des Verbots und wiederholter Kritik durch Menschenrechtsorganisationen kam es zu weiteren VorfĂ€llen â ohne konsequente DurchsetzungsmaĂnahmen.
Ein Warnsignal fĂŒr den Westen
Die Entwicklungen in Israel sollten auch fĂŒr europĂ€ische Beobachter ein Warnsignal sein. Wenn Minister sich offen als Faschisten bezeichnen können, ohne politische Konsequenzen zu fĂŒrchten, wenn die Justiz systematisch untergraben wird und wenn die gemĂ€Ăigten KrĂ€fte das Land verlassen â dann steht eine Demokratie vor dem Kollaps.
Die Frage ist nicht mehr, ob Israel die Schwelle zum Faschismus ĂŒberschreiten wird. Die Frage ist, ob es diese Schwelle nicht lĂ€ngst ĂŒberschritten hat. Und wĂ€hrend der Westen weiterhin von der âeinzigen Demokratie des Nahen Ostens" spricht, schmĂŒcken sich israelische Minister mit dem âParfĂŒm des Faschismus" â und ihre WĂ€hler applaudieren.
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