
KI-Gastbeitrag der Ministerpräsidenten: Wenn der Computer für mehr „deutsche Identität“ trommelt

Es ist eine Posse, wie sie nur die deutsche Politik hervorbringen kann: Zwei Ministerpräsidenten fordern in einem viel beachteten Gastbeitrag mehr deutschsprachige Musik im Radio – als Bekenntnis zu Identität, Sprache und kulturellem Selbstverständnis. Und ausgerechnet dieser Appell für mehr Echtheit und nationale Stimme wurde, wie sich nun herausstellte, mit Hilfe einer Künstlichen Intelligenz zusammengeschustert. Mehr Ironie geht kaum.
Der seltsame Klang künstlicher Sätze
Der Thüringer Regierungschef Mario Voigt (CDU) und sein sachsen-anhaltischer Amtskollege Sven Schulze (CDU) veröffentlichten in der Welt einen Text, der mit Formulierungen aufwartete, die jeder aufmerksame Leser sofort als typisches Maschinen-Deutsch entlarvt. Sätze wie „Diese Kontinuität ist keine Nostalgie. Sie ist Argument." klingen weniger nach staatsmännischer Überzeugung als nach einem Algorithmus, der gelernt hat, bedeutungsschwanger zu klingen, ohne wirklich etwas zu sagen.
Eine Sprecherin der Thüringer Staatskanzlei bestätigte gegenüber der Magdeburger Volksstimme schließlich, was viele schon vermutet hatten: Es kamen „moderne digitale Werkzeuge, darunter KI-Anwendungen" zum Einsatz. Ein Problem? Mitnichten, so die Regierung. Es sei ein „zeitgemäßer Einsatz dieser Technologien", wenn „einzelne Formulierungen oder sprachliche Wendungen durch digitale Hilfsmittel angeregt oder verbessert werden". Die Argumente, so beteuert man, stammten selbstverständlich von den Autoren selbst.
Drei Prozent deutsche Musik – und ein hausgemachtes Problem
Inhaltlich beklagen die beiden Politiker, dass im privaten Radio nur noch drei Prozent deutschsprachige Musik liefen, während es 2013 noch zehn Prozent gewesen seien. Musik sei „Sprache, Identität, kulturelles Selbstverständnis", heißt es pathetisch. In einem Atemzug werden Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel mit Clueso und Tokio Hotel in eine kulturelle Traditionslinie gestellt – eine Gleichsetzung, die manchem Musikliebhaber die Tränen in die Augen treiben dürfte, allerdings nicht vor Rührung.
„Mehr deutsche Musik im Radio sei eine Frage kultureller Selbstbehauptung. Nicht laut. Nicht schrill. Aber klar."
Wie wohlfeil. Da entdeckt die Union plötzlich das „Wir", die deutsche Sprache, die kulturelle Selbstbehauptung. Wo war dieses Bekenntnis eigentlich in all den Jahren, in denen ebendieselben Parteien deutsche Identität gerne als verstaubt, ewiggestrig oder gar verdächtig abtaten? Hätte die AfD denselben Vorstoß gewagt, der Aufschrei der Empörung wäre durch sämtliche Redaktionsstuben gehallt. Doch aus konservativem Munde, garniert mit KI-Floskeln, gilt der Ruf nach kultureller Selbstvergewisserung offenbar als salonfähig.
Selbstverpflichtung oder verkappte Quote?
Die beiden Ministerpräsidenten betonen, es gehe ihnen ausdrücklich nicht um staatliche Quoten – die Rundfunkfreiheit sei ein hohes Gut. Stattdessen brauche es eine „freiwillige Selbstverpflichtung" samt regelmäßiger Berichte über den Anteil deutscher Musik. „Das ist keine Regulierung. Das ist Verantwortung", heißt es vollmundig. Doch wer die Sprache der Politik kennt, der weiß: Wenn von „freiwilliger Selbstverpflichtung" mit Berichtspflicht die Rede ist, dann steht die Daumenschraube der Regulierung bereits im Vorzimmer bereit.
Der Rückgang deutscher Musik sei das Ergebnis „freiwilliger Marktentscheidungen", räumen die Autoren ein – nur um im selben Atemzug zu erklären, „Marktlogik belohne Bekanntheit, nicht Talent". Eine bemerkenswerte Volte: Erst wird der Markt als unschuldig erklärt, dann sogleich für untauglich befunden. Vielleicht, so möchte man entgegnen, hört das Publikum schlicht jene Musik, die es hören will – und nicht jene, die ein Komitee oder eine staatlich angeregte Berichtspflicht für förderwürdig hält.
Ein Sinnbild für den Zustand der Politik
Am Ende bleibt das eigentlich Bemerkenswerte nicht der Inhalt, sondern die Methode. Zwei gewählte Regierungschefs fordern in glühenden Worten die Bewahrung kultureller Eigenständigkeit – und lassen den Text dabei von einer Maschine glattbügeln. Wer für eine „eigene Stimme" wirbt, sollte vielleicht zunächst selbst eine haben. Dass ausgerechnet ein Appell für Authentizität durch künstliche Intelligenz aufgehübscht wird, ist mehr als nur eine peinliche Randnotiz. Es ist ein Sinnbild für eine politische Klasse, die selbst beim Bekenntnis zur Identität auf Stellvertreter setzt.
Vielleicht wäre es ehrlicher gewesen, das deutsche Liedgut einfach den Bürgern zu überlassen, die es seit jeher pflegen – ganz ohne Berichtspflicht, ganz ohne Algorithmus und ganz ohne den belehrenden Zeigefinger einer Regierung, die erst dann das „Wir" entdeckt, wenn es ihr opportun erscheint. Authentizität lässt sich eben nicht per Knopfdruck generieren – weder im Radio noch in der Politik.
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