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15.06.2026
05:53 Uhr

Komiker als Staatsoberhaupt? Hape Kerkeling und die seltsame Sehnsucht nach Politik aus dem Showbusiness

Komiker als Staatsoberhaupt? Hape Kerkeling und die seltsame Sehnsucht nach Politik aus dem Showbusiness

Es ist eine Schlagzeile, die man zunĂ€chst fĂŒr einen seiner berĂŒhmten Sketche halten könnte: Hape Kerkeling, der Mann hinter Horst SchlĂ€mmer und Königin Beatrix, möchte ins Schloss Bellevue einziehen. Doch was als Pointe taugen wĂŒrde, scheint diesmal durchaus ernst gemeint zu sein. Der 61jĂ€hrige Entertainer bringt sich fĂŒr das höchste Amt im Staat in Stellung – und das mit einer bemerkenswerten Mission im GepĂ€ck.

Wenn der Wahlkampf zur BĂŒhne wird

Mehr als 50.000 Menschen hĂ€tten bereits eine Online-Petition unterschrieben, die Kerkeling ins PrĂ€sidentenamt hieven solle, heißt es. Eine stolze Zahl – wobei man fragen darf, ob das digitale Anklicken eines Petitionsbuttons tatsĂ€chlich ein Gradmesser fĂŒr staatsmĂ€nnische Eignung ist. In Zeiten, in denen jeder Klick zĂ€hlt und kaum etwas kostet, sind 50.000 Unterschriften schneller gesammelt als ein Faschingsumzug organisiert.

Auf die Frage, ob er sich das Amt zutraue, antwortete der Komiker mit jener Mischung aus Selbstbewusstsein und Ironie, die ihn berĂŒhmt gemacht hat. Wenn er sehe, wer weltweit in fĂŒhrenden Positionen das Sagen habe, dann traue er sich das durchaus zu. Und natĂŒrlich durfte auch der ikonische SchlĂ€mmer-Spruch nicht fehlen: „Isch kandidiere.“

Der Kampf gegen Rechts als politisches Programm

Doch hinter der Pointe steht ein durchaus ernstes Anliegen. Kerkeling positioniere sich, so seine eigenen Worte, vehement „gegen Rechts“ und sehe sich seither massiven Anfeindungen im Internet ausgesetzt. „Theoretisch wurde ich im Netz schon gelyncht“, klagte er. Im digitalen Raum tobe ein „StellvertreterbĂŒrgerkrieg“, den man zum GlĂŒck noch nicht auf den Straßen austrage.

Man muss sich diese Wortwahl auf der Zunge zergehen lassen. Ein „BĂŒrgerkrieg“ – das ist eine gewaltige Metapher fĂŒr das, was im Kern Meinungsverschiedenheiten in sozialen Medien sind. Wer derart martialische Vokabeln bemĂŒht, sollte sich nicht wundern, wenn die gesellschaftliche Spaltung, die er beklagt, durch genau solche Zuspitzungen weiter vertieft wird.

Vielfalt als Allheilmittel?

Inhaltlich gehe es Kerkeling vor allem um die Rechte queerer Menschen, die er erneut in Gefahr sehe. Die Mehrheitsgesellschaft mĂŒsse laut und deutlich sagen, dass man „Vielfalt wolle“, denn diese sei gesund fĂŒr das Gemeinwesen. Ein Satz, der gut auf jedes CSD-Plakat passt, aber doch die berechtigte Frage aufwirft: Was genau ist eigentlich die grĂ¶ĂŸte Sorge der deutschen BĂŒrger in diesen Tagen?

WĂ€hrend ein prominenter Entertainer von BĂŒrgerkrieg im Netz spricht, erleben die Menschen in unseren StĂ€dten reale Probleme: explodierende Lebenshaltungskosten, eine ausufernde KriminalitĂ€t und eine Politik, die scheinbar jeden Bezug zu den Sorgen des Alltags verloren hat.

Symbolpolitik statt echter Lösungen

Es ist bezeichnend fĂŒr den Zustand unseres Landes, dass die Diskussion um das BundesprĂ€sidentenamt offenbar zuerst ĂŒber Geschlecht und Gesinnung gefĂŒhrt wird – „diesmal soll eine Frau“, hieß es ja eigentlich – und erst danach ĂŒber Kompetenz, Erfahrung und staatspolitische Reife. Das höchste Amt im Staat sollte ĂŒber jeder IdentitĂ€tsdebatte stehen. Stattdessen wird es zum Spielball gesellschaftlicher Strömungen, die den eigentlichen Auftrag des Amtes – nĂ€mlich das ganze Volk zu reprĂ€sentieren – aus dem Blick verlieren.

Pikant ist dabei auch dies: Den Leipziger CSD, dessen offizieller Botschafter Kerkeling ist, wird er selbst nicht besuchen. Aus „zeitlichen GrĂŒnden“, wie es heißt, und weil Großveranstaltungen privat ohnehin nicht seine Sache seien. Man darf das durchaus als Sinnbild fĂŒr eine Politik verstehen, die viel fordert, aber wenig selbst tut.

Ein Land braucht mehr als Pointen

Niemand bestreitet Hape Kerkeling sein komödiantisches Talent. Als Entertainer hat er Generationen zum Lachen gebracht. Doch das BundesprĂ€sidentenamt ist keine BĂŒhne, und der Kampf gegen vermeintliche Feinde von links wie rechts ersetzt kein staatspolitisches Programm. Deutschland braucht in diesen schwierigen Zeiten ReprĂ€sentanten, die das ganze Volk im Blick haben – nicht nur einzelne Gruppen und ihre Anliegen. Ob ein Komiker mit klarer Schlagseite diesem Anspruch gerecht werden könnte, darf bezweifelt werden.

Am Ende bleibt der Eindruck eines Landes, das sich zunehmend in Symboldebatten verliert, wĂ€hrend die wirklich drĂ€ngenden Fragen unbeantwortet bleiben. Vielleicht wĂ€re es an der Zeit, dass die Politik – und auch die Prominenz – sich wieder den Sorgen jener BĂŒrger zuwendet, die diese Republik mit ihrer Arbeit und ihren Steuern am Laufen halten. Denn die haben in diesen Zeiten andere Sorgen als die Frage, wer als NĂ€chstes ins Schloss Bellevue einzieht.

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