
Mittelalter im Staatsfunk: Wenn eine Aktivistin im ZDF über Rechtsstaatlichkeit doziert
Es sind Sätze, die einem den Atem stocken lassen. Sätze, die man eher in einem dunklen Kapitel der Geschichtsbücher vermuten würde, nicht aber im Diskurs einer modernen Gesellschaft, die sich selbst gern als Inbegriff von Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit feiert. Und doch: Eine selbsternannte Aktivistin namens Leonie Löwenherz forderte allen Ernstes, mutmaßliche Täter „an ihren großen Zehen auf den Marktplätzen dieser Nation aufzuhängen und öffentlich zu kastrieren". Das Bemerkenswerte daran? Diese Person darf anschließend im öffentlich-rechtlichen Rundfunk – finanziert von jedem Bürger via Zwangsgebühr – zur Frage der Unschuldsvermutung philosophieren.
Die mittelalterliche Phantasie einer Aktivistin
Anlass für die verstörende Tirade auf Instagram waren die Vorwürfe der Moderatorin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann, den Schauspieler Christian Ulmen. Statt ein Gericht entscheiden zu lassen, ob an den Anschuldigungen etwas dran ist, griff Löwenherz lieber direkt zur verbalen Guillotine. Marktplätze, Aufhängen, Kastration – Wortwahl, die in jedem anderen Kontext sofort den Verfassungsschutz auf den Plan rufen würde. Doch hier? Schweigen. Stattdessen lädt das ZDF die 33-jährige Historikerin und Autorin in die Sendung „ZDFUnbubble", wo sie sich mit der Welt-Journalistin Dorothea Schupelius über digitale Gewalt und – man höre und staune – die Unschuldsvermutung austauschen darf.
Eine Aktivistin erfindet ihre eigene Rechtslehre
Löwenherz' Argumentation gleicht einem rhetorischen Eiertanz. Die Unschuldsvermutung sei „extrem wichtig", versichert sie. Doch im selben Atemzug erklärt sie, der Begriff sei lediglich ein „juristischer", der ausschließlich vor Gericht gelte. Die Gesellschaft hingegen dürfe sich ihr eigenes Urteil bilden – auch entgegen einem Freispruch. Was hier in samtene Worte gepackt wird, ist nichts weniger als die Aufkündigung eines fundamentalen rechtsstaatlichen Prinzips. Wer braucht noch Gerichte, wenn der digitale Mob bereits gerichtet hat?
Noch dreister wird es, wenn die Aktivistin offen eine „Verdachtsberichterstattung" einfordert, die Fälle öffentlich machen solle, „die vor Gericht gar nicht zulässig wären". Damit gibt sie unverhohlen zu, was kritische Beobachter seit Jahren monieren: Es geht um die Etablierung eines medialen Prangers, an dem rechtsstaatliche Spielregeln keine Rolle mehr spielen. „Auf unseren Rechtsstaat möchte ich mich da beim Thema sexualisierte Gewalt leider nicht verlassen", verkündet sie. Eine bemerkenswerte Aussage in einem Land, dessen Verfassung gerade durch ebendiesen Rechtsstaat geprägt ist.
Widersprüche, die niemand auflöst
Während Schupelius zumindest den Versuch unternimmt, gegenzuhalten und die „Pauschalisierung von allen Männern als Tätern" ablehnt, doppelt Löwenherz nach: Gewalt gegen Frauen sei ein „komplett normalisierter Teil unserer Gesellschaft". Gleichzeitig behauptet sie im ZDF-Studio, nicht alle Männer würden Frauen hassen – nur um sich damit diametral ihrem ursprünglichen Instagram-Video zu widersprechen, in dem sie pauschal alle Männer zu Tätern erklärte. Ein Widerspruch, der vom Sender geflissentlich ignoriert wird. Faktencheck? Fehlanzeige. Kritische Nachfrage? Keine Spur.
Der öffentlich-rechtliche Schutzraum für aktivistische Wirrköpfe
Was sich hier abspielt, ist symptomatisch für den Zustand der gebührenfinanzierten Medienlandschaft in Deutschland. Während konservative oder kritische Stimmen routinemäßig in den Senkel gestellt, mit Etiketten versehen oder gleich ganz ausgegrenzt werden, erhalten Aktivistinnen mit offen gewaltverherrlichendem Vokabular eine Bühne. Eine Frau, die öffentliche Kastrationen auf Marktplätzen herbeisehnt, darf im Staatsfunk über die Feinheiten der Rechtsstaatlichkeit dozieren. Man muss sich diese Surrealität auf der Zunge zergehen lassen.
Die Behauptung, falsche Beschuldigungen lägen „im niedrigen einstelligen Bereich", wird unkommentiert stehengelassen – obwohl Kriminalstatistiken seit Jahren ein anderes Bild zeichnen. Gerade bei Sexualdelikten ist die Quote falscher Anschuldigungen vergleichsweise hoch. Doch Fakten stören die Erzählung, also bleiben sie ungenannt.
Wenn die Empörung selektiv wird
Bemerkenswert ist auch, was nicht thematisiert wird. Die galoppierende Kriminalitätsentwicklung in Deutschland, insbesondere die dramatische Zunahme von Sexualstraftaten in den letzten Jahren, findet in solchen Sendungen keinen Widerhall. Stattdessen verschwimmen die Konturen zugunsten einer ideologischen Erzählung, die Männer pauschal in Generalverdacht stellt. Dass es konkrete, drängende Probleme gibt, die einer ehrlichen Debatte bedürften, gerät dabei aus dem Blick.
Die Unschuldsvermutung ist kein lästiges Relikt, das man je nach politischer Tageslaune relativieren kann. Sie ist eine zivilisatorische Errungenschaft, erkämpft über Jahrhunderte. Wer sie unterminiert – sei es durch verbale Lynchjustiz auf Instagram oder durch wohlfeile Sophistereien im ZDF-Studio –, sägt am Ast, auf dem unsere gesamte Rechtsordnung sitzt. Die Frage drängt sich auf, ob das verantwortliche Programmverantwortlichen klar ist. Oder ob es ihnen schlicht egal ist, weil die ideologische Stoßrichtung stimmt.
Ein Fingerzeig auf den Zustand der Republik
Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack. Eine Aktivistin, die zu archaisch anmutender Gewalt aufruft, wird im Staatsfunk hofiert. Die Beitragszahler dürfen das Ganze auch noch finanzieren. Und die wirklich relevanten Probleme dieses Landes – von ausufernder Kriminalität über kollabierende Justizstrukturen bis hin zu einer politisch motivierten Spaltung der Gesellschaft – bleiben im Schatten. Ein Lehrstück darüber, wie weit sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk inzwischen vom Auftrag der ausgewogenen Berichterstattung entfernt hat. Die Bürger merken das längst – und das Vertrauen schwindet von Tag zu Tag.
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