
Nein zu Palantir: Bundeswehr setzt ab 2027 auf deutsche Software

Ein Drohnenschwarm aus Kaliningrad, Kurs auf deutsche Militärbasen – und eine Software, die Sensoren zu Land, zu Wasser und im All in Sekunden zu einem Lagebild verschmilzt. Was im bayerischen Fürstenfeldbruck durchgespielt wurde, ist ein Planspiel. Aber eines, das die Bundeswehr bitter ernst nimmt.
Beim Sensorspezialisten Hensoldt testet man gemeinsam mit dem Defence-Start-up Helsing das neue Produkt MDOCore. Im Szenario: mehrere sprengstoffbestückte Shahed-Drohnen, dreieinhalb Meter lang. Aufgeklärt von einem Pegasus-Flugzeug über der Ostsee und einem Aufklärungsfahrzeug in Polen. Störsender kappen die Navigation, die Flugabwehr erledigt den Rest.
Der Mensch drückt nur noch auf „Go“
Der Clou: Das alles läuft weitgehend automatisiert ab, in Minuten. Ein Soldat gibt lediglich die Freigabe zum Gegenschlag. Hensoldt-Digitalchef Sven Heursch ordnet das so ein:
„Das ist in der softwaregestützten Verteidigung der nächste große Schritt“
Dahinter steht eine der lukrativsten Rüstungsausschreibungen des Landes. Das BWI, das IT-Systemhaus der Bundeswehr, prüft derzeit den Einsatz einer solchen Datendrehscheibe. Medienberichten zufolge testet die Truppe Systeme von rund 30 Anbietern – ein erster Prototyp soll bereits 2027 stehen.
Warum der US-Gigant auĂźen vor bleibt
Der eigentliche Paukenschlag liegt in dem, was nicht kommt: Palantir. Der Inspekteur des Cyber- und Informationsraums, Vizeadmiral Thomas Daum, hatte im Frühjahr 2026 erklärt, es sei unvorstellbar, dem US-Unternehmen und dessen Mitarbeitern Zugriff auf den nationalen deutschen Datenbestand zu gewähren. Berichten zufolge bedienen bei der NATO Industrievertreter die Systeme der Software Maven selbst – genau das will Berlin für eigene Daten nicht.
Kritiker verweisen zudem auf den amerikanischen CLOUD Act, der US-Behörden potenziell Zugriff auf Daten ermöglichen kann, selbst wenn diese auf Servern in Deutschland liegen. Beim Aufbau der Bundeswehr-Cloud pCloudBw soll Palantir nach Angaben aus dem Verteidigungsressort ebenfalls nicht mitwirken.
Die deutsche Doppelmoral
Bemerkenswert ist der Widerspruch im eigenen Haus: Während die Bundeswehr abwinkt, arbeiten Polizeibehörden in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen längst mit Palantir-Technologie. Was für die Landesverteidigung angeblich zu heikel ist, gilt bei der inneren Sicherheit als vertretbar. Beobachter fragen sich zu Recht, wie ein Staat gleichzeitig zwei so gegensätzliche Antworten geben kann.
Souveränität ist mehr als ein Sonntagswort
Aus Sicht unserer Redaktion ist die Entscheidung dennoch überfällig. Wer seine Verteidigungsfähigkeit an die Laune einer fremden Administration koppelt, macht sich erpressbar – die Erfahrungen der Ukraine mit zeitweise gedrosselten US-Aufklärungsdaten sind Warnung genug.
Die Kehrseite: Deutschland muss liefern. Ausgerechnet jenes Land, dessen Digitalprojekte von der Gesundheitskarte bis zur Behördencloud sprichwörtlich langsam vorankommen, will binnen eines Jahres einen militärischen Datenkern aufbauen. Skeptiker in der Fachszene halten das für ambitioniert – zumal Europa bei Rechenzentren und KI-Infrastruktur nach eigenem Bekunden weit hinter den USA liegt.
Milliarden fließen. Ein erheblicher Teil davon auf Pump, über Sondervermögen und gelockerte Schuldenregeln. Umso wichtiger wäre, dass das Geld diesmal nicht in Pflichtenheften versickert, sondern in einsatzfähiger Technik landet. Deutsche Ingenieurskunst hat schon Schwierigeres gestemmt – wenn man sie machen lässt.
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