
Ostsee auf historischem Tiefstand: 67 Zentimeter unter Normal – und ein Drittel zugefroren
Was sich derzeit in der Ostsee abspielt, dürfte selbst hartgesottene Meteorologen ins Staunen versetzen. Der Wasserstand des Binnenmeeres ist Anfang Februar auf einen Wert gesunken, der seit Beginn der systematischen Messungen im Jahr 1886 nicht mehr erreicht wurde. 67 Zentimeter unter dem Normalniveau – das ist keine Bagatelle, das ist ein Rekord, der Fragen aufwirft. Gleichzeitig hat sich eine Eisdecke über rund ein Drittel der gesamten Ostsee gelegt, so dick wie seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr.
275 Kubikkilometer Wasser – einfach verschwunden?
Nicht ganz. Forscher des Instituts für Ozeanologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften haben errechnet, dass das Wasserdefizit etwa 275 Kubikkilometern entspricht. Um diese abstrakte Zahl greifbar zu machen: Das ist ungefähr so viel wie die gesamte jährliche Niederschlagsmenge des Vereinigten Königreichs. Wohlgemerkt – eines ganzen Landes, über ein ganzes Jahr hinweg.
Doch das Wasser ist nicht etwa verdampft oder auf mysteriöse Weise versickert. Die Erklärung liegt, wie so oft in der Natur, in der Physik der Atmosphäre. Starke, anhaltende Winde haben gewaltige Wassermassen durch die dänischen Sunde in Richtung Nordsee gedrückt. Gleichzeitig sorgte ein stabiles Hochdruckgebiet dafür, dass keine kräftigen Fronten diese Dynamik durchbrechen konnten. Meteorologen nennen dieses Phänomen „wind set-down" – eine Konstellation, bei der sich Wasser innerhalb des Beckens verlagert, ohne dass das Gesamtvolumen abnimmt.
Kein Klimawandel-Narrativ, sondern schlichte Wetterphysik
Bemerkenswert ist, was die Forscher ausdrücklich nicht als Ursache benennen. Es handele sich weder um einen Mangel an Niederschlag noch um ein „Austrocknen des Meeres" durch geringere Flusszuflüsse. Die Ostsee habe nur sehr wenig natürlichen Wasserzu- oder -abfluss vom Land, weshalb Wind und Luftdruck einen ungleich größeren Einfluss ausübten als bei offenen Ozeanen. Eine nüchterne, wissenschaftliche Feststellung – die freilich all jenen den Wind aus den Segeln nimmt, die reflexartig jedes ungewöhnliche Wetterereignis dem menschengemachten Klimawandel zuschreiben möchten.
Dass die Natur ihre eigenen Gesetze hat und sich nicht in ideologische Schablonen pressen lässt, zeigt dieses Phänomen eindrucksvoll. Wer ehrlich ist, muss anerkennen: Seltene Wetteranomalien gab es schon immer – lange bevor der erste SUV über deutsche Straßen rollte.
Häfen unter Druck, Schifffahrt im Takt gestört
Die praktischen Auswirkungen sind indes alles andere als akademisch. Flache Zufahrten und Fahrrinnen lassen deutlich weniger Spielraum für den Schiffsverkehr. Jeder Dezimeter zählt, wenn schwer beladene Frachter in Küstenhäfen einlaufen wollen. Einzelne Häfen müssten bereits kurzfristig umplanen, weil sichere Tiefgänge nicht mehr überall garantiert werden könnten. Für eine Region, die ohnehin unter den wirtschaftlichen Verwerfungen der letzten Jahre leidet, ist das eine zusätzliche Belastung.
Parallel droht ein ökologisches Problem: Sinkende Wasserstände können den Sauerstoffgehalt am Meeresboden reduzieren. Muscheln, Würmer und andere Bodenorganismen, die auf stabile Bedingungen angewiesen sind, geraten unter Stress. Im schlimmsten Fall verändern sich ganze Mikrolebensräume – ein stiller Kollaps, der an der Oberfläche kaum sichtbar wird.
Eisdecke so dick wie seit 15 Jahren nicht – Estland eröffnet Eisstraße
Als wäre der Rekord-Tiefstand nicht genug, hat eine anhaltende Kältephase seit Anfang Januar dafür gesorgt, dass die Ostsee in diesem Winter deutlich stärker zugefroren ist als üblich. Nach Angaben des Finnischen Meteorologischen Instituts bedecke Eis rund ein Drittel der gesamten Meeresfläche. Im Finnischen Meerbusen würden Eisdicken von 10 bis 40 Zentimetern gemessen – Werte, die zuletzt vor anderthalb Jahrzehnten erreicht worden seien.
Estland hat darauf mit bemerkenswertem Pragmatismus reagiert und eine 17 Kilometer lange offizielle Eisstraße eröffnet, die zwei Inseln miteinander verbindet. Plötzlich werden Wege über das gefrorene Meer möglich, die sonst nur per Fähre zurückgelegt werden können. Die Behörden warnen allerdings ausdrücklich vor Spaziergängen auf dem Eis, da schwächere Zonen und Risse unter Belastung entstehen könnten.
Auch das LNG-Terminal auf Rügen betroffen
Die massive Vereisung hat auch Konsequenzen für die deutsche Energieinfrastruktur. Das LNG-Terminal auf Rügen, das ohnehin seit seiner Errichtung von Kontroversen begleitet wird, soll durch die Eisdecke in seiner Zufahrt beeinträchtigt sein. Ein defekter Eisbrecher habe die Situation zusätzlich verschärft. Man darf sich an dieser Stelle die Frage erlauben, ob die hastig vorangetriebene Energiewende – mit schwimmenden Terminals ohne festen Stromanschluss – wirklich so durchdacht war, wie es die politischen Architekten seinerzeit verkündeten.
Ein Weckruf der Natur
Was lehrt uns dieses Naturereignis? Zunächst einmal Demut. Die Ostsee zeigt eindrucksvoll, dass meteorologische Extremereignisse keine Erfindung des 21. Jahrhunderts sind. Wind, Druck und Kälte folgen ihren eigenen Regeln – unbeeindruckt von politischen Agenden und Klimazielen, die in Grundgesetze gemeißelt werden. Wer glaubt, mit Milliardenprogrammen und ideologisch aufgeladener Transformationspolitik die Natur kontrollieren zu können, wird von Ereignissen wie diesem eines Besseren belehrt.
Statt in blinden Aktionismus zu verfallen, wäre es an der Zeit, die eigene Infrastruktur widerstandsfähiger zu machen – mit robusten Häfen, funktionierenden Eisbrechern und einer Energieversorgung, die auch bei minus 20 Grad noch zuverlässig arbeitet. Pragmatismus statt Ideologie. Estland macht es vor.
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