
Russland-Gas boomt vor dem Verbot: Europas Ausstieg gerät ins Stocken!

Brüssel will russisches Gas verbannen, doch bisher läuft es eher umgekehrt. Über die Pipeline TurkStream floss im Oktober gut 20 Prozent mehr russisches Gas in die EU als im September. Das zeigt eine Auswertung neuer Daten des europäischen Netzbetreiberverbands ENTSOG. Gleichzeitig liegen die LNG-Importe, mit denen Europa den Ausstieg schaffen will, weit unter dem Niveau des Vorjahres.
TurkStream: Russlands letzte Pipeline läuft heiß
Die Zahlen lassen wenig Raum für Interpretation. Im Oktober kamen über TurkStream 18.142 Gigawattstunden (GWh) in der EU an, so viel wie seit März nicht mehr. Rechnet man den zusätzlichen Kalendertag heraus, stieg die tägliche Menge von rund 502 auf etwa 585 GWh. Das ist ein Plus von knapp 17 Prozent.
Ein Rekord ist das nicht. Im Oktober 2025 hatte die Leitung sogar 18.964 GWh geliefert. Die Menge liegt aber fast genau beim Wert vom Januar dieses Jahres (18.937 GWh). Knapp ein Jahr vor dem vollständigen Verbot kommt also kaum weniger russisches Pipelinegas an als zu Jahresbeginn. Von einem geordneten Rückzug kann bisher keine Rede sein.
Die Leitung führt durch das Schwarze Meer in die Türkei und von dort über Bulgarien nach Südost- und Mitteleuropa. Die wichtigsten Abnehmer sind Ungarn und die Slowakei. Nord Stream ist seit den Explosionen im September 2022 außer Betrieb, und der Transit durch die Ukraine endete Anfang 2025. Seitdem ist TurkStream die einzige große Pipeline, über die noch russisches Gas in die EU fließt.
Flüssiggas soll die Lücke füllen, aber die Importe sinken
Ersetzen soll das russische Gas vor allem verflüssigtes Erdgas (LNG). Doch im Oktober speisten Terminals in der EU und Großbritannien 113.796 GWh ein, nach 110.161 GWh im September. Das sieht nach einem Plus von 3,3 Prozent aus. Pro Tag blieb die Menge mit rund 3.671 GWh aber praktisch gleich.
Seit dem Tiefpunkt im Juli mit 88.156 GWh haben sich die Mengen um rund 29 Prozent erholt. Dennoch lag der Oktober fast 18 Prozent unter dem Vorjahresmonat und mehr als 30 Prozent unter dem Januar. Ausgerechnet vor dem Winter kommt also weniger Ersatz an als geplant.
Dass Europa einfach von LNG auf russisches Pipelinegas umgestiegen ist, lässt sich aus den Monatszahlen allerdings nicht ablesen. LNG-Ladungen werden weltweit gehandelt und gehen dorthin, wo Preise, Nachfrage und Schiffskapazitäten am günstigsten sind. Pipelinegas läuft dagegen oft über langfristige Verträge. Warum im Oktober mehr durch TurkStream floss, erklären die ENTSOG-Daten nicht.
Rekordmengen aus der Arktis
Russland liefert der EU auch weiterhin viel Flüssiggas. Nach Angaben des Forschungszentrums CREA kaufte die EU im September 60 Prozent mehr russisches LNG als im August, allerdings nach einem sehr schwachen August. Von Januar bis September erreichten die Lieferungen einen Rekordwert.
Besonders deutlich ist das bei der Arktis-Anlage Yamal LNG. Nach einer Auswertung von Kpler-Daten durch die Umweltorganisation Urgewald kamen dort in den ersten neun Monaten 12,18 Millionen Tonnen in die EU. Das sind 9,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Rund 85 Prozent der erfassten Yamal-Exporte gingen in EU-Häfen. Die Sanktionspolitik und die tatsächlichen Gasflüsse passen damit kaum zusammen.
Die Fristen laufen ab
Für LNG aus langfristigen Altverträgen gilt das Verbot ab dem 1. Januar 2027. Für Pipelinegas endet die Übergangsfrist grundsätzlich am 30. September 2027. Stellt die EU-Kommission fest, dass die Befüllung der Gasspeicher in einem Mitgliedstaat gefährdet ist, kann sich die Frist dort bis zum 1. November verschieben.
Berlin setzt deshalb auf eine engere Energiepartnerschaft mit der Türkei. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte dafür schon im Juni in Ankara geworben. Die Lieferungen sollen ihr zufolge nicht aus Russland stammen. Infrage kämen etwa Gas aus Aserbaidschan oder aus türkischer Eigenförderung.
Ankara reagiert zurückhaltend. Energieminister Alparslan Bayraktar erklärte im August, die Europäer interessierten sich zwar für Gas aus dem türkischen Sakarya-Feld. Sein Land brauche diese Förderung aber selbst und bleibe auf Importe angewiesen. TurkStream und Blue Stream nannte er strategisch wichtige Versorgungswege.
Woher kommt das Gas wirklich?
Hinzu kommt ein praktisches Problem. Im türkischen Netz mischt sich Gas unterschiedlicher Herkunft. Woher es stammt, lässt sich nur über belastbare Herkunfts- und Liefernachweise prüfen, und genau diese Prüfung verlangt die EU. Neue Verträge mit Ankara reichen deshalb nicht aus. Europäische Käufer müssen auch belegen können, dass sie damit wirklich russisches Gas ersetzen.
Unsere Redaktion sieht darin ein bekanntes Muster: Die EU beschließt früh strenge Verbote und fragt erst danach, wo der Ersatz herkommen soll. Ob das bis zum Herbst 2027 gelingt oder höhere Energiepreise die Folge sind, ist offen. Die Rechnung dafür würden am Ende vor allem Industrie und Verbraucher bezahlen.
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