
Schweizer Migros flüchtet aus Deutschland: Tegut-Übernahme durch Edeka offenbart das Versagen des Standorts

Es ist ein Paukenschlag im deutschen Lebensmitteleinzelhandel – und zugleich ein weiteres Alarmsignal für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Der Schweizer Handelsriese Migros kehrt dem deutschen Markt den Rücken und verkauft die traditionsreiche Supermarktkette Tegut. Rund 200 Filialen sollen an Edeka gehen, Deutschlands größten Lebensmittelhändler. Eine entsprechende Vereinbarung sei bereits unterzeichnet worden, teilten beide Unternehmen mit. Das Bundeskartellamt müsse der Transaktion allerdings noch zustimmen.
Ein Traditionsunternehmen auf dem Abstellgleis
Tegut – 1947 im hessischen Fulda gegründet, seit 2013 im Besitz der Migros-Gruppe – beschäftigt rund 7.700 Menschen und betreibt mehr als 300 Supermärkte in sechs Bundesländern, den Großteil davon in Hessen. Im Geschäftsjahr 2024 erwirtschaftete die Kette einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro. Zahlen, die auf den ersten Blick solide wirken. Doch der Schein trügt.
Migros begründete den Rückzug mit einem sich „weiter verschärfenden Marktumfeld" in Deutschland. Trotz massiver Kosteneinsparungen seien die Umsätze rückläufig gewesen. Tegut sei mit seiner spezifischen Positionierung und der vergleichsweise kleinen Unternehmensgröße „langfristig wirtschaftlich nicht zukunftsfähig". Eine komplette Übernahme durch einen bislang nicht in Deutschland aktiven Händler habe sich als unrealisierbar erwiesen. Man muss sich diese Worte auf der Zunge zergehen lassen: Ein Schweizer Konzern mit einem Rekordumsatz von 32,5 Milliarden Franken sieht in Deutschland keine Perspektive mehr. Was sagt das über den Zustand unserer Volkswirtschaft?
Edeka als Retter in der Not – oder Monopolist auf dem Vormarsch?
Edeka-Chef Markus Mosa sprach davon, mit der Übernahme eine „klare Zukunftsperspektive" für die Tegut-Märkte und deren Mitarbeiter zu schaffen. Ohne den Deal hätte die Schließung zahlreicher Standorte gedroht – mit dem Verlust von mehr als 4.500 Arbeitsplätzen. Neben den Filialen sollen auch das Tegut-Logistikzentrum im hessischen Michelsrombach, die Herzberger-Bäckerei sowie die Smart Retail Solutions, die Betreiberin der personallosen „Teo"-Minimärkte, an Edeka übergehen.
Ob der Markenname Tegut erhalten bleibt, ließ Edeka offen. Zu weiteren Details schwieg man sich aus. Was bleibt, ist die Frage, ob die zunehmende Konzentration im deutschen Lebensmittelhandel – dominiert von wenigen Giganten wie Edeka, Rewe, Aldi und Lidl – tatsächlich im Interesse der Verbraucher liegt. Oder ob hier nicht vielmehr ein Oligopol entsteht, das langfristig die Preise diktiert und kleinere Anbieter systematisch vom Markt verdrängt.
Was wird aus den übrigen 100 Filialen?
Ungeklärt ist bislang das Schicksal von gut 100 weiteren Tegut-Supermärkten, die nicht Teil des Edeka-Deals sind. Migros verhandele nach eigenen Angaben „mit weiteren bekannten deutschen Marktteilnehmern". Rewe, das laut Branchenberichten ebenfalls Interesse an einzelnen Standorten haben soll, äußerte sich dazu nicht. Ziel sei eine Lösung für möglichst alle Standorte – doch wie realistisch das ist, steht auf einem anderen Blatt.
Symptom einer tiefgreifenden Standortkrise
Der Rückzug der Migros aus Deutschland reiht sich nahtlos ein in eine beunruhigende Serie wirtschaftlicher Hiobsbotschaften. Porsche meldet einen Gewinneinbruch von 91,4 Prozent, VW kämpft mit massiven Ertragsrückgängen, und internationale Investoren machen zunehmend einen Bogen um den einstigen Wirtschaftsmotor Europas. Die Gründe sind hinlänglich bekannt: eine erdrückende Bürokratie, explodierende Energiekosten, eine Steuerlast, die ihresgleichen sucht, und eine politische Klasse, die sich lieber mit ideologischen Nebenschauplätzen beschäftigt, als die Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln zu verbessern.
Dass die neue Große Koalition unter Kanzler Friedrich Merz nun ein 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen für Infrastruktur aufnehmen will, klingt zunächst nach Aufbruch. Doch wer die Zeche zahlt, sind – wie immer – die Bürger und kommende Generationen. Schulden, die als „Sondervermögen" verpackt werden, bleiben Schulden. Und sie werden die Inflation weiter anheizen, die ohnehin schon die Kaufkraft der Deutschen auffrisst.
Der Fall Tegut ist mehr als eine Fußnote im Wirtschaftsteil. Er ist ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass Deutschland als Standort für den Einzelhandel – und weit darüber hinaus – an Attraktivität verliert. Wenn selbst ein Schweizer Milliarden-Konzern die Segel streicht, sollten in Berlin sämtliche Alarmglocken schrillen. Doch dort scheint man, wie so oft, mit anderen Dingen beschäftigt zu sein.
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