
Schwere Vorwürfe erschüttern den Internationalen Strafgerichtshof: Zweite Frau beschuldigt Chefankläger Khan
Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag steht vor einer beispiellosen Krise. Eine zweite Frau hat nun schwerwiegende Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens gegen den Chefankläger Karim Khan erhoben. Die Anschuldigungen werfen ein düsteres Licht auf eine Institution, die eigentlich für Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit stehen sollte.
Ein Muster des Missbrauchs?
Die neue Zeugin, die aus Angst vor Vergeltung anonym bleiben möchte, berichtet von Vorfällen aus dem Jahr 2009. Damals sei sie als unbezahlte Praktikantin für Khan tätig gewesen, der zu dieser Zeit als prominenter Verteidiger am IStGH arbeitete. Sie beschreibt sein Verhalten als "ständigen Ansturm" unerwünschter Annäherungsversuche.
Besonders beunruhigend seien die Parallelen zu den Vorwürfen einer IStGH-Mitarbeiterin, die Khan bereits im vergangenen Jahr beschuldigt hatte. Beide Frauen berichten unabhängig voneinander von ähnlichen Mustern: Khan habe sie gebeten, in seinem Zuhause zu arbeiten, wo er sie dann bedrängt, berührt und zu sexuellen Handlungen gedrängt haben soll.
Die Macht des Schweigens
Die zweite Anklägerin, die sich selbst Patricia nennt, schildert eindringlich ihre damalige Situation. Als junge Praktikantin am Anfang ihrer Karriere habe sie sich in einer ausweglosen Lage befunden. Khan sei ein einflussreicher, gut vernetzter Anwalt gewesen, von dessen Empfehlung ihre berufliche Zukunft abhing. Eine offizielle Beschwerde sei für sie damals keine Option gewesen.
"Es fühlte sich an wie ein Pakt mit dem Teufel", beschreibt sie das Empfehlungsschreiben, das Khan ihr nach dem Praktikum ausstellte.
Ihre Schilderungen zeichnen das Bild eines systematischen Machtmissbrauchs. Bei mindestens sechs Gelegenheiten habe Khan sie gebeten, in seiner Wohnung in Den Haag zu arbeiten, wo sie dann allein mit ihm gewesen sei. Dort habe er versucht, sie zu küssen und zu sexuellen Handlungen zu überreden, während sie verzweifelt versuchte, ihre Arbeit zu erledigen und gleichzeitig seine Avancen abzuwehren.
Die aktuelle Krise des IStGH
Khan, der 2021 für eine neunjährige Amtszeit zum Chefankläger gewählt wurde, hat sich vorübergehend von seinen Aufgaben zurückgezogen, während die UN-Aufsichtsbehörde die Vorwürfe untersucht. Seine Anwälte weisen alle Anschuldigungen kategorisch zurück und behaupten, er habe niemals sexuelles Fehlverhalten gezeigt oder seine Position missbraucht.
Interessanterweise versuchen Khan und seine Vertreter, die Vorwürfe als Teil einer orchestrierten Kampagne darzustellen. Sie behaupten, feindliche Akteure würden versuchen, ihn zu diskreditieren - insbesondere als Reaktion auf die von ihm ausgestellten Haftbefehle gegen Wladimir Putin und Benjamin Netanjahu.
Ein fragwürdiges Narrativ
Diese Verteidigungsstrategie wirft jedoch mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Während es durchaus Versuche pro-israelischer Akteure gegeben haben mag, Informationen über die Beschwerden zu verbreiten, gibt es keinerlei Beweise dafür, dass die beiden Frauen Teil einer ausgeklügelten Verschwörung gegen Khan seien.
Besonders pikant: Die erste Anklägerin ist selbst Muslimin und galt innerhalb der Anklagebehörde als Unterstützerin der Ermittlungen gegen israelische Offizielle wegen Kriegsverbrechen in Gaza. Die Unterstellung, sie sei Teil eines pro-israelischen Komplotts, erscheint vor diesem Hintergrund besonders zynisch.
Die Glaubwürdigkeit einer Institution steht auf dem Spiel
Der IStGH befindet sich an einem kritischen Wendepunkt. Als permanentes Gericht, das Individuen wegen schwerster Verbrechen zur Rechenschaft ziehen soll, kann es sich keine Zweifel an der Integrität seiner Führung leisten. Die Tatsache, dass nun zwei unabhängige Zeuginnen mit zeitlich weit auseinanderliegenden, aber inhaltlich ähnlichen Vorwürfen auftreten, macht eine gründliche Aufklärung unumgänglich.
Patricia entschied sich erst nach Jahren des Schweigens, ihre Geschichte zu erzählen. Der Auslöser war Khans öffentliche Behauptung, in seinen 30 Jahren Berufserfahrung sei niemals eine solche Beschwerde gegen ihn erhoben worden. "Mein Herz sank", beschreibt sie ihre Reaktion auf diese Aussage.
Die UN-Ermittler haben mittlerweile mehrere Interviews geführt und Beweismaterial gesichtet. Nach Abschluss der Untersuchung wird ein Expertengremium die Ergebnisse prüfen und dem Leitungsgremium des IStGH Empfehlungen aussprechen. Sollte Khan des schweren Fehlverhaltens für schuldig befunden werden, könnte er in einer beispiellosen Abstimmung der 125 Mitgliedstaaten aus dem Amt entfernt werden.
Ein Weckruf für internationale Institutionen
Diese Affäre sollte als Mahnung für alle internationalen Organisationen dienen. Machtstrukturen, die es ermöglichen, dass Vorgesetzte ihre Position ausnutzen können, müssen dringend reformiert werden. Besonders besorgniserregend ist, dass junge Frauen am Anfang ihrer Karriere offenbar besonders gefährdet sind - sie verfügen weder über die Netzwerke noch über die finanzielle Sicherheit, um sich gegen einflussreiche Persönlichkeiten zur Wehr zu setzen.
Der Fall Khan zeigt einmal mehr, dass auch vermeintlich integre Institutionen nicht vor Machtmissbrauch gefeit sind. Es bleibt zu hoffen, dass die Untersuchung gründlich und unparteiisch durchgeführt wird - die Glaubwürdigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs steht auf dem Spiel.
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