
Selenskyj in der Zwickmühle: Iran-Krieg verdrängt Ukraine von der Weltbühne
Während die Welt gebannt auf den eskalierenden Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran blickt, droht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zum tragischen Statisten der Weltpolitik zu werden. Auf seiner jüngsten Europa-Tour machte er seinem Frust in ungewöhnlich deutlichen Worten Luft – und offenbarte dabei eine geopolitische Realität, die man in Kiew lange nicht wahrhaben wollte.
„Ein sehr schlechtes Gefühl" – Selenskyjs düstere Lageeinschätzung
In einem Interview mit der BBC erklärte Selenskyj nach einem Besuch in London, die Ukraine müsse aufgrund des Nahostkonflikts mit einem gravierenden Raketen-Defizit rechnen. Die Worte des ukrainischen Präsidenten klangen dabei weniger nach dem gewohnt kämpferischen Ton, sondern eher nach einem Mann, dem die Felle davonschwimmen: „Ich habe ein sehr schlechtes Gefühl in Bezug auf die geopolitische Situation. Verhandlungen für Frieden werden ständig verschoben – der Grund ist der Krieg im Iran."
Man muss kein Geostratege sein, um zu erkennen, was hier passiert. Die Aufmerksamkeitsökonomie der internationalen Politik ist gnadenlos. Wer nicht mehr auf Seite eins steht, verliert Waffen, Geld und – am schlimmsten – politisches Interesse. Genau das geschieht der Ukraine gerade in atemberaubendem Tempo.
Transatlantischer Riss zwischen Washington und London
Besonders brisant: Der US-israelische Angriff auf den Iran hat nicht nur die geopolitischen Karten neu gemischt, sondern auch einen tiefen Keil zwischen Washington und London getrieben. Großbritannien zog eine angekündigte Unterstützung zurück und verweigerte die Entsendung von Kriegsschiffen zur Sicherung der Straße von Hormus. US-Präsident Donald Trump reagierte mit der ihm eigenen Subtilität und bezeichnete den britischen Premierminister Keir Starmer als „kein Winston Churchill" – eine Ohrfeige, die in London sicherlich noch lange nachhallt.
Starmer konterte, er wolle sein Land nicht in einen größeren Krieg hineinziehen. Eine Position, die man durchaus nachvollziehen kann – schließlich hat das Vereinigte Königreich in den vergangenen Jahrzehnten genug kostspielige militärische Abenteuer im Nahen Osten erlebt. Selenskyj hingegen appellierte verzweifelt an beide Seiten, sich zusammenzusetzen und eine gemeinsame Position zu erarbeiten. Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, darf bezweifelt werden.
Moskau reibt sich die Hände
Die eigentlichen Profiteure dieser chaotischen Gemengelage sitzen im Kreml. Selenskyj selbst räumte ein, dass die Entwicklungen Russland in die Hände spielten. Steigende Energiepreise füllen Moskaus Kriegskasse, während die westliche Aufmerksamkeit und – noch wichtiger – die westlichen Waffenlieferungen zunehmend in Richtung Naher Osten umgeleitet werden. Ein strategischer Albtraum für Kiew.
Die letzte vollständige trilaterale Verhandlungsrunde zwischen Vertretern Kiews, Moskaus und Washingtons fand Mitte Februar in Genf statt. Eine für Anfang März in Abu Dhabi geplante Fortsetzung wurde aufgrund der Iran-Eskalation auf unbestimmte Zeit verschoben. Ein neuer Termin? Fehlanzeige.
Ukrainische Drohnenexpertise im Nahen Osten
Paradoxerweise ist die Ukraine selbst längst Teil des Nahostkonflikts geworden – wenn auch auf unerwartete Weise. Rund 200 ukrainische Militärexperten befinden sich derzeit im Einsatz in Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Katar, um diese gegen iranische Shahed-Drohnen zu verteidigen. Die Ukraine produziere täglich bis zu 2.000 Abfangdrohnen, die sowohl für die eigene Verteidigung als auch für Partnerländer zur Verfügung stünden. Während seines London-Besuchs unterzeichnete Selenskyj zudem ein Verteidigungsabkommen mit Starmer zur gemeinsamen Drohnenproduktion.
Europas strategische Ohnmacht
Was diese Entwicklung einmal mehr schonungslos offenlegt, ist die strategische Ohnmacht Europas. Statt selbst als geopolitischer Akteur aufzutreten, bleibt der Kontinent ein Spielball amerikanischer Prioritäten. Wenn Washington seinen Fokus verschiebt, stehen europäische Sicherheitsinteressen plötzlich auf tönernen Füßen. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz täte gut daran, diese Lektion ernst zu nehmen – auch wenn das 500-Milliarden-Sondervermögen wohl kaum ausreichen dürfte, um Deutschlands jahrzehntelange Vernachlässigung der Verteidigungsfähigkeit wettzumachen.
Für Selenskyj bleibt die bittere Erkenntnis: In einer Welt multipler Krisen ist Solidarität ein flüchtiges Gut. Und wer sich zu sehr auf einen einzigen Verbündeten verlässt, steht am Ende möglicherweise allein da. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Ukraine in der Lage ist, sich in diesem neuen geopolitischen Gefüge zu behaupten – oder ob der Krieg in Osteuropa endgültig zum vergessenen Konflikt wird.

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