
Selenskyjs verbale Entgleisung: EU-RatsprÀsident Costa weist Kiew in die Schranken

Es sind Worte, die man in der Diplomatie eigentlich nicht hört â und die dennoch gefallen sind. Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj hat Ungarns MinisterprĂ€sident Viktor OrbĂĄn in einer Weise gedroht, die selbst in BrĂŒssel fĂŒr fassungsloses KopfschĂŒtteln sorgt. Nun hat EU-RatsprĂ€sident AntĂłnio Costa den Kiewer Machthaber öffentlich gerĂŒgt und dessen Tonfall als âunangemessen" bezeichnet. Ein lĂ€ngst ĂŒberfĂ€lliger Schritt â und doch nur ein Tropfen auf den heiĂen Stein einer zunehmend aus den Fugen geratenden europĂ€ischen AuĂenpolitik.
DrohgebÀrden statt Diplomatie
Was war geschehen? Im Streit um rund 90 Milliarden Euro an EU-Hilfen fĂŒr die Ukraine, die Ungarn mit seinem Veto blockiert, hatte Selenskyj zu einer bemerkenswerten Rhetorik gegriffen. Er habe erklĂ€rt, man werde âdie Adresse dieser Person" â gemeint war unmissverstĂ€ndlich OrbĂĄn â an âunsere Jungs" weitergeben, damit diese âin ihrer Sprache" mit ihm redeten. Man muss kein Experte fĂŒr diplomatische Gepflogenheiten sein, um zu erkennen, dass solche Formulierungen weit jenseits dessen liegen, was zwischen StaatsoberhĂ€uptern akzeptabel ist.
In Budapest wurde die ĂuĂerung folgerichtig als EinschĂŒchterungsversuch gewertet. Ungarns AuĂenminister ging sogar so weit, Selenskyj öffentlich als LĂŒgner zu bezeichnen. Die Eskalationsspirale dreht sich munter weiter â und Europa schaut zu, wie seine ohnehin fragile Einheit Riss um Riss bekommt.
Costas Drahtseilakt zwischen Kiew und Budapest
EU-RatsprĂ€sident Costa versuchte sich derweil an einem diplomatischen Spagat, der kaum gelingen kann. Einerseits bezeichnete er die ungarische Blockade der Finanzhilfen als âvollkommen inakzeptabel". Andererseits stellte er unmissverstĂ€ndlich klar, dass man es nicht dulden könne, wenn ein Regierungschef eines EU-Mitgliedstaates in dieser Weise angegangen werde. Eine Position, die in ihrer Ambivalenz symptomatisch ist fĂŒr das Dilemma, in dem sich die EuropĂ€ische Union seit Jahren befindet.
Denn die unbequeme Wahrheit lautet: OrbĂĄn hat durchaus legitime GrĂŒnde fĂŒr seine Haltung. Der ungarische MinisterprĂ€sident knĂŒpft seine Zustimmung zu den Hilfsgeldern an konkrete Bedingungen â insbesondere an Fortschritte bei der Wiederaufnahme russischer Ăllieferungen ĂŒber die Druschba-Pipeline. Ungarn wirft der Ukraine vor, den Transit ĂŒber diese strategisch wichtige Leitung zu behindern. Kiew verweist auf schwere KriegsschĂ€den, die eine schnelle Reparatur unmöglich machten. Wer hier die Wahrheit sagt, ist schwer zu beurteilen. Fest steht jedoch: Ein souverĂ€ner Staat hat das Recht, seine energiepolitischen Interessen zu vertreten.
Die Vetoposition als letztes Bollwerk nationaler SouverÀnitÀt
Was in BrĂŒssel und den meisten westeuropĂ€ischen HauptstĂ€dten als störrische Blockadepolitik gebrandmarkt wird, ist bei nĂŒchterner Betrachtung nichts anderes als die AusĂŒbung eines vertraglich garantierten Rechts. Das Vetorecht in der EU existiert nicht ohne Grund â es schĂŒtzt kleinere Mitgliedstaaten davor, von der Mehrheit ĂŒberrollt zu werden. Dass ausgerechnet Ungarn dieses Instrument konsequent nutzt, mag vielen missfallen. Es ist aber zutiefst demokratisch.
Die eigentliche Frage, die sich stellt, ist eine andere: Wie lange kann sich Europa noch leisten, Milliarden um Milliarden in einen Konflikt zu pumpen, dessen Ende nicht absehbar ist? WĂ€hrend die europĂ€ischen Steuerzahler â auch die deutschen â immer tiefer in die Tasche greifen mĂŒssen, scheint in Kiew jedes MaĂ fĂŒr Dankbarkeit und diplomatischen Anstand verloren gegangen zu sein. Statt Drohungen gegen einen demokratisch gewĂ€hlten Regierungschef auszustoĂen, wĂ€re Selenskyj gut beraten, den Dialog zu suchen.
Deutschland zwischen allen StĂŒhlen
Auch fĂŒr die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz wird die Lage zunehmend heikel. Deutschland ist einer der gröĂten Nettozahler der EU und damit indirekt einer der wichtigsten Financiers der Ukraine-Hilfen. Gleichzeitig kĂ€mpft das Land mit einer maroden Infrastruktur, steigender Inflation und einem 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen, das kommende Generationen belasten wird. Die Frage, ob die deutschen Steuergelder in Kiew besser aufgehoben sind als in deutschen Schulen, BrĂŒcken und KrankenhĂ€usern, drĂ€ngt sich geradezu auf.
Der Vorfall um Selenskyjs verbale Entgleisung offenbart einmal mehr die tiefen Risse innerhalb der EuropĂ€ischen Union. Die beschworene Geschlossenheit gegenĂŒber Russland bröckelt â nicht weil OrbĂĄn querschieĂt, sondern weil die RealitĂ€t die politischen Wunschvorstellungen lĂ€ngst eingeholt hat. Europa braucht keine moralischen Appelle, sondern eine ehrliche Debatte darĂŒber, wie weit die SolidaritĂ€t mit der Ukraine gehen kann und darf, ohne die eigenen BĂŒrger ĂŒber GebĂŒhr zu belasten. Selenskyjs DrohgebĂ€rden jedenfalls sind das Gegenteil von dem, was diese Debatte voranbringen wĂŒrde.

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