
Stromausfälle in Deutschland: Kritische Infrastruktur als offene Flanke für Angreifer

Es ist ein Bild, das sich in diesem harten Winter mit erschreckender Regelmäßigkeit wiederholt: Tausende Deutsche sitzen im Dunkeln, die Heizungen bleiben kalt, das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Erst Berlin, dann Stuttgart – und die Frage drängt sich auf, wie lange sich dieses Land noch auf seine eigene Versorgungssicherheit verlassen kann.
Wenn das Licht ausgeht: Zwei Städte, zwei Ausfälle, ein Muster
Am Freitagmorgen traf es mindestens 2200 Haushalte in den Berliner Stadtteilen Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Eine Störung im Netz, defekte Kabel – so die nüchterne Erklärung des Betreibers Stromnetz Berlin. Nur einen Tag zuvor hatte ein kurzer Spannungsabfall in Stuttgart für Chaos gesorgt: Brandmeldungen, Alarme, tote Ampeln. Die Erinnerungen an den mutmaßlich linksextremistischen Angriff auf das Berliner Stromnetz vor wenigen Wochen, bei dem 50.000 Haushalte tagelang ohne Strom ausharren mussten, sind noch frisch.
Zwar handelte es sich bei den jüngsten Vorfällen nicht um gezielte Attacken. Doch genau das macht die Sache so brisant: Wenn schon technische Defekte ganze Stadtteile lahmlegen können, wie verwundbar ist dann erst die Infrastruktur gegenüber koordinierten Angriffen?
„Kritische Infrastruktur kann man quasi offen googeln"
Hans-Jakob Schindler, Direktor beim Counter Extremism Project, bringt das Dilemma auf den Punkt. Die Standorte sensibler Anlagen, die Schwachstellen im System – all das sei für jedermann einsehbar.
„Kritische Infrastruktur kann man ja quasi offen googeln. Es ist alles transparent. Das macht das System verletzlich."Die sogenannte Vulkangruppe, die hinter dem Berliner Anschlag vermutet wird, hätte demnach keine besonderen Vorkenntnisse benötigt, um ganze Stadtteile in die Dunkelheit zu stürzen.
Seit Jahren warnen Experten vor hybrider Kriegsführung – sei es durch Hackerangriffe, Desinformationskampagnen oder physische Attacken auf die staatliche Infrastruktur. Putins Russland gilt als einer der Hauptakteure dieser Strategie. Doch passiert ist lange Zeit erschreckend wenig. Die Offenlegungspflicht für kritische Infrastruktur, einst als Zeichen demokratischer Transparenz gedacht, entpuppt sich nun als Achillesferse.
Kritis-Dachgesetz: Zu wenig, zu spät?
Die schwarz-rote Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz hat reagiert – zumindest auf dem Papier. Mit dem sogenannten Kritis-Dachgesetz, das Ende Januar den Bundestag passierte, sollen einheitliche Mindeststandards, Risikoanalysen und ein Störungsmonitoring eingeführt werden. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt verkündete vollmundig:
„Mit dem KRITIS-Dachgesetz machen wir Deutschland widerstandsfähiger gegen Krisen und Angriffe. Unser Ziel ist klar: Die Abwehrfähigkeit und Resilienz unserer kritischen Infrastrukturen muss gehärtet werden."
Ob diese Maßnahmen ausreichen, darf bezweifelt werden. Vollkommener Schutz, so räumen selbst Regierungsvertreter ein, sei nicht erreichbar. Die Frage ist vielmehr, ob Deutschland überhaupt noch die Zeit hat, seine Versäumnisse aufzuholen – oder ob die nächste Attacke bereits in Planung ist.
Eigenverantwortung statt Staatsversagen?
Martin Schelleis, Generalleutnant a.D. und Bundesbeauftragter der Malteser für Krisenresilienz, mahnt zur individuellen Vorsorge.
„Jeder muss sich fragen: Wenn meine Versorgungsketten reißen, wo kriege ich was zu essen her?"Der Staat müsse zwar den Rahmen setzen, doch auf die Katastrophe zu warten sei keine Option. Altenheime, Krankenhäuser, Hilfsorganisationen – sie alle müssten sich schon jetzt auf den Ernstfall vorbereiten.
Es ist ein bitteres Eingeständnis: Der Bürger soll sich selbst helfen, weil der Staat es offenbar nicht kann. In einem Land, das einst für seine Zuverlässigkeit und Ingenieurskunst gerühmt wurde, klingt das wie ein Offenbarungseid. Die Stromausfälle der vergangenen Wochen sind mehr als technische Pannen – sie sind ein Symptom für ein tieferliegendes Versagen. Und solange die Politik nicht entschlossener handelt, werden die Lichter in Deutschland wohl noch öfter ausgehen.

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