
„Verlorenes Jahrzehnt“: Arbeitgeberpräsident stellt Deutschland das Armutszeugnis aus

Es sind Sätze, die man in einem Land, das sich einst gerne als Exportweltmeister feierte, kaum für möglich gehalten hätte. Rainer Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, zieht eine Bilanz, die in ihrer Nüchternheit brutaler wirkt als jede Wahlkampfrede: Das letzte wirklich große Geschäftsjahr der deutschen Wirtschaft sei 2019 gewesen. Seither, so Dulger, verwalte man lediglich den eigenen Rückstand. Die Zwanzigerjahre drohten für dieses Land zu einem verlorenen Jahrzehnt zu werden.
Auf dem Standstreifen, während andere überholen
Besonders bitter ist sein Bild vom Standstreifen. Die internationale Konkurrenz müsse gar nichts besonders gut machen – es reiche vollkommen aus, dass sie einfach weiterfahre, während Deutschland mit Warnblinker am Rand der Autobahn stehe. Sieben Jahre Stagnation, während andere Volkswirtschaften ihre Ernte einfuhren. Wer glaubt, dieser Abstand ließe sich in einer nächtlichen Koalitionssitzung wegbeschließen, dürfte sich gründlich täuschen.
Die Regierungsprognose für 2026 liegt nach den Ölpreissprüngen infolge des Irankriegs bei mageren 0,5 Prozent Wachstum, für 2027 sollen es 0,9 Prozent werden. Man muss sich diese Zahlen auf der Zunge zergehen lassen: Das ist statistisches Rauschen, kein Aufschwung. Und schon die 0,2 Prozent, die zuletzt gemeldet wurden, wurden von manchen Kommentatoren fast wie ein Sieg gefeiert.
Ein Sozialstaat, der die Substanz frisst
Dulgers Zahlen sind es, die aufhorchen lassen. 2025 sei nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums fast jeder dritte Euro der deutschen Wirtschaftsleistung in den Sozialstaat geflossen – rund 1,4 Billionen Euro. Dazu kämen Bürokratiekosten von etwa 146 Milliarden Euro jährlich. Aus Brüssel kämen die Vorgaben, und in deutschen Amtsstuben, so der Arbeitgeberpräsident, würden sie mit einem bürokratischen Ehrgeiz umgesetzt, den kein Wettbewerber der Welt nachahmen wolle.
„Zu hohe Abgaben, zu hohe Energiekosten, zu viel Bürokratie, dazu eine Infrastruktur aus dem vergangenen Jahrhundert – das ist der Zustand des Standorts.“
Man darf ergänzen: Dieser Zustand ist kein Naturereignis. Er ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Wer über Jahre die günstigsten Energiequellen abschaltet, die Industrie mit Klimaauflagen überzieht und gleichzeitig einen Sozialstaat immer weiter aufbläht, darf sich über das Ergebnis nicht wundern.
Reformpaket: Kurswechsel oder Beruhigungspille?
Die schwarz-rote Koalition hat Anfang Juli ein Reformpaket vereinbart – Bürokratieabbau, Stabilisierung der Sozialabgaben, Entlastung der Steuerzahler, Förderung von Zukunftsbranchen. Ein Sparpaket bei der gesetzlichen Krankenversicherung ist beschlossen. Dulger nennt das einen Kurswechsel und begrüßt es. BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner bleibt vorsichtiger: Vertrauen entstehe erst dann, wenn im Herbst Entlastungen bei Steuern, Bürokratie, Energie- und Infrastrukturkosten in den Unternehmen tatsächlich ankämen.
Ihre Erinnerung ist dabei die eigentliche Ohrfeige für Berlin: Schon vor zwei Jahren habe es unter der Vorgängerregierung ein Wirtschaftsprogramm gegeben – umgesetzt worden sei davon nichts, weil die Koalition im Herbst zerbrochen sei. Vier Jahre Stagnation und Rezession lägen hinter den Unternehmen. Wer da noch von einem bloßen Kommunikationsproblem spricht, hat den Ernst der Lage nicht begriffen.
Wenn Investitionen abwandern, kommen sie nicht zurück
Gönners Warnung sollte in jedem Ministerium an der Wand hängen: Wenn die nächste Investition im Ausland erfolge, werde dort produziert – in Deutschland blieben bestenfalls Erhaltungsinvestitionen. Kapital ist ein scheues Tier, und es hat ein gutes Gedächtnis. Fabriken, die einmal in Texas, Ungarn oder Vietnam stehen, wandern nicht zurück, nur weil in Berlin ein Bürokratieabbaugesetz verabschiedet wird.
Passend dazu die Meldung, dass das Vertrauen in den Staat stark gesunken sei und die Inflation kräftig gestiegen. Ein 500-Milliarden-Sondervermögen, Klimaneutralität im Grundgesetz, dazu ein Kanzler, der einst versprach, keine neuen Schulden zu machen – wer soll dieser Konstruktion noch trauen? Die Rechnung zahlen künftige Generationen über Steuern, Abgaben und den stillen Wertverlust des Geldes.
Was bleibt dem Bürger?
Dulger fordert vom Kanzler, den Menschen zu erklären, worauf das Land zusteuere. Ein bemerkenswerter Satz – denn er unterstellt, dass genau das bisher nicht geschieht. Man reformiere die Sozialsysteme nicht, um sie zu zerstören, sondern um sie zu erhalten, sagt er. Wer das nicht erkläre, dürfe sich über Widerstand nicht wundern.
Für den einzelnen Sparer bleibt eine unbequeme Erkenntnis: Auf politische Kurskorrekturen zu warten, ist keine Vermögensstrategie. Wenn Wachstum ausfällt, Schulden wachsen und die Inflation anzieht, gewinnt Substanz an Bedeutung. Physisches Gold und Silber tragen kein Ausfallrisiko, kennen keine Quartalszahlen und lassen sich von keinem Koalitionsausschuss entwerten. Als Ergänzung eines breit gestreuten Portfolios sind sie in einem Jahrzehnt, das viele bereits als verloren abschreiben, eine denkbare Antwort auf staatliche Unzuverlässigkeit.
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