
6.000 Dollar für Gold? Die kühne Wette von J.P. Morgan

Die US-Großbank J.P. Morgan traut dem Goldpreis trotz der jüngsten Talfahrt Großes zu. Laut einer im Juni veröffentlichten Analyse ihrer Rohstoffexperten soll die Feinunze im Schlussquartal 2026 im Schnitt rund 6.000 US-Dollar kosten, bis Ende 2027 sogar 6.300 Dollar. Davon ist der Markt allerdings weit entfernt: Anfang Oktober notiert Gold Medienberichten zufolge nur bei etwa 4.100 bis 4.160 Dollar.
Vom Rekordrausch in die Seitwärtsfalle
Dabei hatte das Jahr furios begonnen. Am 26. Januar sprang Gold erstmals über 5.000 Dollar, Ende Januar lag das Rekordhoch nach Bloomberg-Daten bei mehr als 5.400 Dollar. Ab Ende März ließ die Luft nach. Im Frühsommer fiel der Preis bis auf 4.170 Dollar.
Greg Shearer, bei J.P. Morgan für Basis- und Edelmetalle zuständig, sprach damals von einem technischen Niemandsland. Gold schleppe sich knapp über der 200-Tage-Linie bei etwa 4.340 Dollar dahin, nach oben deckle die 50-Tage-Linie bei 4.730 Dollar. Für die meisten Investoren sei das Metall im Moment eher Nebensache.
Die Bank hat deshalb nachgebessert, und zwar nach unten. Den Jahresdurchschnitt für 2026 senkte sie von 5.708 auf 5.243 Dollar, das Ziel für das vierte Quartal von 6.300 auf 6.000 Dollar. Für 2027 rechnet sie im Mittel jetzt mit 6.263 statt 6.550 Dollar.
Der größte Gegner sitzt in Washington
Das größte Risiko für die Prognose sieht Shearer bei der US-Notenbank. Gold wirft keine Zinsen ab. Steigen die Renditen von Staatsanleihen oder Geldmarktfonds, verliert das Metall deshalb an Reiz. Brumme die US-Konjunktur weiter und ziehe zugleich die Inflation an, könne die Fed die Zinsen erhöhen. Dann drohten anhaltende Abflüsse aus westlichen Gold-ETFs. Für dieses Jahr hielt Shearer ein solches Szenario allerdings für eher unwahrscheinlich.
Hinzu kommt der Konflikt zwischen Iran, Israel und den USA. Er treibt die Energiepreise und damit die Angst vor Inflation. Paradoxerweise bestätigt er laut der Analyse aber genau die Gründe, aus denen Anleger ihr Geld in Gold streuen: Kaufkraftverlust, die Haushaltslöcher der USA, eine zersplitterte Weltordnung und eine schwer berechenbare US-Politik. Diese Faktoren lägen nur auf Eis, bis sich der Iran-Konflikt kläre.
Das große Rätsel der Notenbanken
Von 2021 bis 2025 kauften die Notenbanken im Schnitt 225 Tonnen Gold pro Quartal. Das war etwa doppelt so viel wie in den fünf Jahren davor. Im ersten Quartal 2026 sah es auf den ersten Blick nach einer Kehrtwende aus: Die Zentralbanken verkauften 129 Tonnen, davon allein die Türkei im März 60 Tonnen. Unterm Strich blieben gemeldete Netto-Käufe von nur 16 Tonnen.
Der Haken: Viele Käufe werden gar nicht gemeldet, denn eine Meldepflicht gegenüber dem IWF gibt es nicht. Der World Gold Council wertet deshalb Daten aus dem Londoner Freiverkehr und die Lieferungen Schweizer Raffinerien aus. Nach seiner Schätzung kauften die Notenbanken im ersten Quartal tatsächlich 244 Tonnen, mehr als die 208 Tonnen im Quartal davor.
Peking sammelt Gold
Ein wichtiger Käufer ist offenbar China. Laut J.P. Morgan führte das Land im ersten Quartal netto 317 Tonnen Gold ein, fast dreimal so viel wie im Vorquartal. Die chinesische Zentralbank steigerte ihre gemeldeten Käufe von etwa einer Tonne pro Monat auf fünf Tonnen im März und acht Tonnen im April.
Der Grund dürfte strategisch sein. Seit der Westen 2022 die Devisenreserven der russischen Zentralbank eingefroren hat, gelten Dollar-Anlagen im Ausland nicht mehr als sicher vor Sanktionen. Peking will den Renminbi als Alternative zum Dollar aufbauen und braucht dafür Gold. Außerdem dürfen Chinas zehn größte Versicherer seit 2025 bis zu ein Prozent ihres verwalteten Vermögens in physisches Gold stecken. Das entsprach damals etwa 200 Tonnen. Marktbeobachter halten auf Dauer sogar fünf Prozent für möglich.
Was heißt das für Anleger?
Ehrlich gesagt: Um das Ziel von 6.000 Dollar noch in diesem Jahr zu erreichen, müsste Gold von hier aus um rund 45 Prozent steigen, und das in weniger als drei Monaten. Die Bank of America warnt laut Medienberichten sogar vor einem Rückgang auf 3.750 Dollar. Danach hält sie allerdings neue Rekorde bis 5.000 Dollar für möglich. Kurzfristige Kursziele bleiben also Glücksspiel.
Langfristig sieht das Bild anders aus. Notenbanken kaufen offenbar weiter, oft ohne es zu melden. Die Staatsschulden steigen weltweit, in Berlin etwa durch das 500-Milliarden-Sondervermögen. Für Sparer, die ihr Vermögen gegen Inflation und Krisen absichern wollen, bleiben physisches Gold und Silber deshalb eine sinnvolle Beimischung in einem breit gestreuten Depot.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und ist keine Anlageberatung. Er gibt die Meinung unserer Redaktion und die uns vorliegenden Informationen wieder. Jeder Anleger sollte selbst recherchieren und ist für seine Anlageentscheidungen selbst verantwortlich.
- Themen:
- #Gold
- #Banken
- #FED
- #Energie
- #Enteignung












