
Attest ab Tag eins: Warum Berlins Krankenstand jetzt steigen könnte

Die schwarz-rote Koalition will kranke Arbeitnehmer schon am ersten Tag zum Attest verpflichten – um Fehlzeiten zu drücken. In Berlin könnte das Gegenteil passieren. Nach einer Modellrechnung der AOK Nordost, über die die Berliner Zeitung berichtet, würde der gemessene Krankenstand der in der Hauptstadt versicherten Beschäftigten von 5,8 auf rund 6,4 Prozent klettern.
Das wäre ein Plus von etwa zehn Prozent – ohne dass ein einziger zusätzlicher Krankheitstag entstünde.
Ein Rechenfehler mit Ansage
Der Grund ist rein statistischer Natur. Kurze Ausfälle von einem bis drei Tagen erscheinen in der Kassenstatistik bislang nur dann, wenn tatsächlich ein Arzt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausgestellt hat. Wer sich zwei Tage mit Fieber ins Bett legt und danach wieder am Schreibtisch sitzt, ist für die Statistik unsichtbar.
Muss künftig jeder Schnupfentag amtlich beglaubigt werden, werden diese Fälle sichtbar. Die Kurve steigt – die Realität bleibt gleich. Im ersten Halbjahr 2026 lag der Krankenstand der AOK-Mitglieder in Berliner Betrieben laut Kasse bei 5,8 Prozent, nach 5,9 Prozent im Vorjahreszeitraum. Die Tendenz zeigte also nach unten.
Was die Koalition beschlossen hat
Das Reformpaket vom Juli 2026 sieht laut Beschlusspapier gleich mehrere Verschärfungen vor:
- Die AU-Pflicht soll gesetzlich vom vierten auf den ersten Krankheitstag vorgezogen werden.
- Die telefonische Krankschreibung, seit Ende 2023 möglich, soll abgeschafft werden.
- Das Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse soll härter bestraft werden.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) begründete den Schritt mit einem klaren Satz:
„Die Zahl der Krankentage in Deutschland ist zu hoch."
Dass Arbeitgeber schon heute ein Attest ab dem ersten Tag verlangen dürfen, blieb in der Debatte weitgehend unerwähnt. Diese Möglichkeit wird in der Praxis nur selten genutzt.
Streit in der Koalition – und volle Wartezimmer
Inzwischen stellt ausgerechnet Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) das eigene Koalitionsprojekt infrage; Merz hält Medienberichten zufolge daran fest. Ein Reformpaket, über dessen Sinn die Regierung selbst streitet, bevor ein Gesetzentwurf überhaupt vorliegt – für viele Bürger dürfte das Symbolpolitik statt Standortpolitik sein.
Der Hausärzteverband nannte die Beschlüsse in einem Interview „absolut katastrophal" und warnte vor Millionen zusätzlicher Praxisbesuche ohne medizinischen Nutzen. Die Arbeitgeberseite dagegen begrüßte die Pläne mit Verweis auf den im internationalen Vergleich hohen Krankenstand. Gewerkschaften sprechen von einer Kultur des Misstrauens gegenüber Beschäftigten.
Die eigentliche Ursache liegt woanders
Die Kassen betonen seit Jahren: Den Ausschlag geben nicht die zwei Tage Erkältung, sondern Langzeiterkrankungen. Unter AOK-Versicherten lag der Schnitt 2025 bei 23,3 Fehltagen nach 23,9 im Vorjahr – 2017 waren es noch rund 19. Ein erheblicher Teil des Anstiegs gilt als Folge der elektronischen AU-Meldung seit 2022, durch die Fälle erfasst werden, die früher schlicht durchs Raster fielen.
Wer also eine Statistik bekämpft statt der Ursachen – psychische Belastungen, Personalmangel, überlastete Praxen –, gewinnt vielleicht eine Schlagzeile. Dem Wirtschaftsstandort Deutschland hilft er nicht. Am Ende zahlt die Zeche, wer ohnehin schon wartet: der Patient im vollen Wartezimmer.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Rechts- oder Steuerberatung dar. Für individuelle arbeitsrechtliche Fragen wenden Sie sich bitte an qualifizierte Fachleute.
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