
Bildungsoffensive: Wenn plötzlich die AfD Forderungen erhebt, die einst das Markenzeichen der CDU waren

Es ist eine Frage, die wie ein Stachel im Fleisch der etablierten Volksparteien sitzt: Wie konnte es geschehen, dass ausgerechnet eine einzige Partei Bildungspositionen vertritt, die noch vor wenigen Jahrzehnten als selbstverständliches Fundament konservativer Politik galten? Der Althistoriker Michael Sommer, Professor für Alte Geschichte an der Universität Oldenburg, hat diese unbequeme Wahrheit in einem Beitrag für die Welt auf den Punkt gebracht. Die Union, so sein Befund, habe Überzeugungen aufgegeben, die für sie über Generationen hinweg schlichtweg nicht verhandelbar gewesen seien.
Leistung, Disziplin und ein Ende des pädagogischen Experimentierens
Doch was genau steht eigentlich auf der bildungspolitischen Agenda, die für derart hitzige Debatten sorgt? Werfen wir einen nüchternen Blick auf die Forderungen, anstatt sie reflexhaft zu skandalisieren. Pensionierte Lehrer sollen zurückgeholt werden, um dem eklatanten Personalmangel an deutschen Schulen zu begegnen. Informatik soll zum Pflichtfach aufsteigen – ein durchaus sinnvoller Gedanke in einer Welt, die längst von Algorithmen bestimmt wird. Gleichzeitig wendet man sich gegen eine „Frühdigitalisierung" bereits in der Grundschule. Ein Widerspruch? Mitnichten. Vielmehr die simple Einsicht, dass Sechsjährige zunächst lesen, schreiben und rechnen lernen sollten, bevor man ihnen Tablets in die Hände drückt.
Im Zentrum steht ein klares Bekenntnis zum Leistungsprinzip. Das Gymnasium wird ausdrücklich als Eliteschule verstanden – ein Begriff, der in deutschen Bildungsdebatten mittlerweile fast wie eine Provokation wirkt. Die „zunehmende Heterogenisierung der Lerngruppen" habe, so heißt es, das Leistungsniveau abgesenkt. Das vielbeschworene „Experiment Inklusion" sei gescheitert und gehöre zurückgenommen.
Warum erhebt allein die AfD Forderungen, die frĂĽher das GĂĽtesiegel konservativer Bildungspolitik waren?
Schluss mit der Noteninflation und dem Smartphone-Chaos
Die weiteren Punkte lesen sich wie das Pflichtenheft eines jeden Eltern, der sich um die Zukunft seiner Kinder sorgt: Die Schullaufbahn-Empfehlungen nach der Grundschule sollen wieder verbindlich werden. Gegen die grassierende Noteninflation, bei der Spitzennoten inflationär verteilt werden und damit jeglichen Wert verlieren, will man entschieden vorgehen. Und die Smartphones? Die sollen aus den Klassenzimmern verschwinden – eine Maßnahme, die mittlerweile sogar von zahlreichen Pädagogen und Bildungsforschern befürwortet wird.
Heimatliebe, Deutschlandfahnen und ein Blick zurĂĽck auf 1871
Besonders kontrovers dürften jene Forderungen aufgenommen werden, die sich dem nationalen Selbstverständnis widmen. Deutschlandfahnen an Schulen, die Verankerung von „Heimatliebe" in Schulgesetz und Verfassung sowie eine stärkere Gewichtung der Befreiungskriege und der Reichsgründung von 1871 im Geschichtsunterricht. Man mag dazu stehen, wie man will – doch dass ein Land seinen Kindern wieder einen unverkrampften Bezug zur eigenen Geschichte und Identität vermitteln möchte, sollte in keiner gesunden Nation ein Tabu sein. In welchem anderen Land der Welt gilt das Hissen der eigenen Flagge an einer Schule als Provokation?
Das Ende der Gender-Studies und die RĂĽckkehr zum Diplom
An den Hochschulen sollen die Gender-Studies abgeschafft, die ausufernden Gleichstellungsstrukturen zurückgebaut und langfristig die international ohnehin umstrittenen Bachelor- und Masterabschlüsse wieder durch das bewährte Diplom und den Magister ersetzt werden. Für jeden, der den deutschen Ingenieur als Qualitätssiegel kennt, klingt das nicht nach Rückschritt, sondern nach einer Rückbesinnung auf das, was Deutschland einst groß gemacht hat.
Sachsen-Anhalt vor einer politischen Zäsur
Die Brisanz dieser Debatte erhält durch den nahenden Wahltermin zusätzliche Schärfe. Wenn am 6. September in Sachsen-Anhalt gewählt wird, könnte die AfD laut einer Umfrage von Infratest dimap auf sagenhafte 41 Prozent kommen – nur noch einen Steinwurf von der absoluten Mehrheit entfernt. Grüne und BSW lägen demnach unter der Fünf-Prozent-Hürde, die SPD nur knapp darüber. Sollten auch die Sozialdemokraten am Einzug in den Landtag scheitern, wären CDU und Linke gemeinsam zu schwach, um einen Ministerpräsidenten Ulrich Siegmund zu verhindern. Ein politisches Erdbeben, dessen Nachbeben weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus zu spüren wären.
Was bleibt, ist die unbequeme Erkenntnis: Wenn bildungspolitische Selbstverständlichkeiten von gestern heute als radikal gelten, dann sagt das womöglich weniger über die Forderungen aus – als über jene, die sich von ihnen entfernt haben. Die etablierten Parteien sollten sich fragen, warum sie das Feld konservativer Bildungspolitik so kampflos geräumt haben, dass andere es nun besetzen.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Grundlage der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine politische Wahlempfehlung dar. Die Meinungsbildung obliegt jedem Bürger selbst.

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