
Diplomatischer Eiertanz: Wadephul weist türkischen Außenminister zurecht – und reist nach Israel

Es sind Worte, die selbst den geübten Beobachter internationaler Diplomatie aufhorchen lassen. Der türkische Außenminister Hakan Fidan hat in einem Interview beim Sender CNN Türk verbale Grenzen überschritten, die eigentlich als unantastbar galten. Und ausgerechnet der deutsche Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) sah sich genötigt, mahnend die Stimme zu erheben – kurz vor dem Nato-Gipfel in Ankara.
Wenn ein Nato-Partner vom Leim geht
Was Fidan da von sich gab, klingt wie aus einer anderen Zeit. Israel sei ein "Problem der Welt", ließ der türkische Chefdiplomat verlauten. Und weiter: Die Israelis seien mit ihrer Politik und ihrer Denkweise zu einer Last geworden, die die Menschheit nicht länger tragen könne. Man muss sich diese Formulierungen auf der Zunge zergehen lassen. Ein Außenminister eines Nato-Mitgliedstaates spricht in einer Rhetorik, die gefährlich an düstere Kapitel der Geschichte erinnert.
Wadephul fand hierzu wenigstens klare Worte. Die jüngsten Äußerungen seines türkischen Amtskollegen mit Blick auf Israel seien vollkommen unangemessen, erklärte er gegenüber der "Bild". Israel sehe sich einer anhaltenden Bedrohung aus der Region ausgesetzt und habe sowohl das Recht als auch die Pflicht, seine eigene Bevölkerung zu schützen.
Der Diplomat auf Reisen
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt und die Symbolkraft. Wadephul kündigte an, noch vor dem am Dienstag beginnenden Nato-Gipfel nach Israel zu reisen, um dort seinen israelischen Kollegen Gideon Saar zu treffen. Er wolle sich mit ihm über aktuelle Fragen des Nahen und Mittleren Ostens austauschen, so der Minister.
Ich werde am Dienstagmorgen noch vor dem Nato-Gipfel nach Israel reisen und mich zu aktuellen Fragen des Nahen und Mittleren Ostens mit meinem Kollegen Saar austauschen.
Gleichzeitig gab sich Wadephul als Vermittler. Er wolle einen Beitrag zur Verständigung zwischen Israel und der Türkei leisten. Die Konflikte der Region ließen sich nur mit einem beiderseitigen Grundkonsens lösen, betonte er. Ein hehres Ziel – doch wie realistisch ist es, wenn ein Verhandlungspartner die andere Seite offen als "Last für die Menschheit" bezeichnet?
Ein bemerkenswerter Vorgang für Berlin
Man mag von der aktuellen Bundesregierung halten, was man will – und es gibt wahrlich genug zu kritisieren. Doch in diesem konkreten Fall darf man festhalten: Klare Kante gegenüber verbalen Entgleisungen eines Nato-Partners ist mehr, als man von der deutschen Außenpolitik der vergangenen Jahre gewohnt war. Zu oft wurde geschwiegen, wo Deutlichkeit angebracht gewesen wäre. Ob aus dieser einmaligen Klarheit eine konsequente Linie wird, bleibt allerdings abzuwarten.
Die Türkei und ihr Verhältnis zum Westen
Die Episode wirft ein Schlaglicht auf ein grundlegendes Problem: Die Türkei unter ihrer aktuellen Führung entfernt sich zusehends von den Werten, die das westliche Bündnis eigentlich zusammenhalten sollten. Ein Land, dessen Außenminister derartige Aussagen tätigt, und das zugleich dem transatlantischen Verteidigungsbündnis angehört, stellt die Nato vor unbequeme Fragen. Wie viel Zusammenhalt kann ein Bündnis erwarten, wenn die außenpolitischen Grundüberzeugungen derart auseinanderklaffen?
Der Nato-Gipfel in Ankara dürfte damit von Spannungen überschattet werden, die weit über protokollarische Feinheiten hinausgehen. Ob Wadephuls Vermittlungsversuch tatsächlich Früchte trägt, wird sich zeigen müssen. Skepsis erscheint jedenfalls angebracht.
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