
Indien-Deal: Rettungsanker oder Strohhalm für die deutsche Autoindustrie?
Das neue Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien elektrisiert die gebeutelte deutsche Automobilbranche. Nach fast zwei Jahrzehnten zäher Verhandlungen öffnet sich nun ein Markt mit knapp zwei Milliarden Menschen – zumindest auf dem Papier. Doch während Branchenvertreter bereits von goldenen Zeiten träumen, mahnen Experten zur Vorsicht. Die Realität könnte ernüchternder ausfallen, als es die euphorischen Schlagzeilen vermuten lassen.
Zollsenkung als Türöffner zum Subkontinent
Die Zahlen klingen zunächst beeindruckend: Von astronomischen 110 Prozent sollen die Einfuhrzölle auf europäische Fahrzeuge schrittweise auf zunächst 40 und später auf lediglich zehn Prozent sinken. Diese Regelung gilt für bis zu 250.000 Fahrzeuge jährlich. Bei Autoteilen sollen die Zölle innerhalb von fünf bis zehn Jahren sogar vollständig verschwinden. Für eine Industrie, die unter Trumps Strafzöllen, der chinesischen Konkurrenz und hausgemachten Problemen ächzt, erscheint dies wie ein Silberstreif am Horizont.
Constantin Gall von der Strategieberatung EY Parthenon sieht in dem Abkommen eine echte Chance für die deutschen Hersteller. Indien verfüge über eine wachsende Mittelschicht und eine junge, zunehmend wohlhabende Bevölkerung. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum von sechs bis sieben Prozent pro Jahr lässt europäische Volkswirtschaften vor Neid erblassen.
SUVs und robuste Fahrzeuge gefragt
Frank Schwope von der Fachhochschule des Mittelstands in Köln betont die besonderen Anforderungen des indischen Marktes. Die Straßenverhältnisse im Land verlangen nach robusten Fahrzeugen – SUVs und geländetaugliche Modelle stehen hoch im Kurs. Genau jenes Segment also, in dem deutsche Premiumhersteller traditionell ihre Stärken ausspielen können.
„SUVs werden in Indien gebraucht, auch rustikalere Fahrzeuge. Das hängt mit den Straßenverhältnissen im Land zusammen."
Die Schattenseiten des Abkommens
Doch nicht alle Branchenkenner teilen den Optimismus. Christoph Stürmer spricht von einer „zweischneidigen Sache" für die deutschen Hersteller. Der Grund liegt in den bereits getätigten Investitionen: Unternehmen wie Audi haben längst Produktionsstätten in Indien errichtet, die noch immer auf Wachstum warten. Günstige Importe aus Europa könnten diese lokalen Fabriken nun konterkarieren – eine strategische Zwickmühle, die niemand so recht vorhergesehen haben will.
Hinzu kommt die übermächtige Konkurrenz vor Ort. Japanische Hersteller wie Suzuki und Honda dominieren den Markt seit Jahren. Sie investieren Milliarden in neue Fabriken und Modelle. Südkoreanische Konzerne wie Hyundai und Kia haben sich ebenfalls fest etabliert. Und die indische Regierung? Sie fördert bevorzugt die heimischen Hersteller, um den wachsenden Markt zunächst für die eigene Industrie zu sichern.
Elektromobilität auf indische Art
Besonders interessant gestaltet sich die Entwicklung im Bereich der Elektromobilität. Indien geht dabei einen eigenen Weg – und beginnt nicht etwa bei teuren Limousinen, sondern bei der Kleinmobilität. Roller, Motorräder und die allgegenwärtigen dreirädrigen Tuk-Tuks werden zunehmend elektrisch betrieben. Einige Kommunen sind bereits vollständig auf Elektrobusse umgestiegen.
Der Staat fördert diesen Wandel mit Steuererleichterungen und Subventionen. Allerdings: Von Vergünstigungen für importierte Elektrofahrzeuge ist im neuen Freihandelsabkommen keine Rede. Ein Umstand, der die deutschen Hersteller im Wettbewerb um die elektrische Zukunft Indiens benachteiligen könnte.
Ein Hoffnungsschimmer in schwierigen Zeiten
Trotz aller Bedenken bleibt Frank Schwope zuversichtlich: „Ich gehe schon davon aus, dass genug Platz ist für deutsche Hersteller." In einem Markt, der durch Trumps aggressive Handelspolitik und die zunehmende Abschottung Chinas immer schwieriger wird, könnte Indien tatsächlich zur wichtigen Alternative werden. Die deutschen Autobauer täten gut daran, diesen Markt nicht aus den Augen zu verlieren – auch wenn der Weg zum Erfolg steiniger sein dürfte, als mancher Optimist es wahrhaben möchte.
Ob das Abkommen letztlich zum Rettungsanker oder nur zum Strohhalm für die angeschlagene deutsche Automobilindustrie wird, bleibt abzuwarten. Eines steht jedoch fest: In Zeiten, in denen die heimische Politik mit ideologiegetriebenen Verboten und realitätsfernen Klimazielen die eigene Industrie zusätzlich belastet, ist jede neue Marktchance willkommen – selbst wenn sie am anderen Ende der Welt liegt.

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