
Koran-Gesänge um vier Uhr früh: Witten und die Ohnmacht der Behörden

In der Ruhrgebietsstadt Witten beginnt der Tag für manche Anwohner nicht mit dem Wecker, sondern mit lautem Gesang auf der Straße. Verantwortlich dafür ist Medienberichten zufolge der aus Syrien stammende Amer Ghanem, der seit Jahren öffentlich aus dem Koran vorträgt – zu Fuß, per Rad, bei Tag und bei Nacht. Bußgelder der Stadt haben daran offenbar nichts geändert.
Ein Mann, ein Buch – und eine ganze Stadt hört mit
Ghanem kam laut Berichten 2015 nach Deutschland und liest seit 2021 täglich hunderte Seiten aus dem Koran, gekleidet in langen Gewändern, mal mit Turban, mal mit einem Palästinensertuch. Eine App auf seinem Handy zeigt ihm minutengenau die Gebetszeiten an. Derzeit lebe er in einer Obdachlosenunterkunft.
Für einen Teil der Wittener ist er ein Kuriosum des Stadtbilds. Für andere ist er längst eine Zumutung. In lokalen Berichten schildern Anwohner, sie seien gegen vier Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen worden; Einzelne sollen zeitweise sogar in ein Hotel ausgewichen sein, um Ruhe zu finden.
„Das Ordnungsamt ist die Mafia“
Die Stadt Witten hat reagiert – mit Ordnungsgeldern. Beeindruckt zeigt sich der Hobby-Prediger davon nach eigenen Worten nicht. In einem Interview kommentierte er die Strafen mit einem drastischen Satz:
„Das Ordnungsamt ist die Mafia“
Auch die Polizei sieht sich in einer Sackgasse. Mehrfach seien Beschwerden eingegangen, doch solange keine Gefährdung von dem Mann ausgehe, seien den Beamten weitgehend die Hände gebunden. Man bemühe sich um eine angemessene Lösung, aber: „Dies gestaltet sich aber im vorliegenden Fall sehr schwierig“, so die Polizei laut dem Bericht.
Wenn Regeln nur für die Ordentlichen gelten
Genau hier liegt aus Sicht unserer Redaktion der eigentliche Skandal – und er hat wenig mit Religion zu tun. Deutschland ist ein Land, in dem der Rasenmäher am Sonntag tabu ist, in dem Kinderlärm regelmäßig vor Gericht landet und in dem eine zu laute Gartenparty schnell ein Bußgeld nach sich zieht. Nächtliche Ruhestörung ist keine Bagatelle, sondern eine Ordnungswidrigkeit.
Warum also, fragen sich viele Bürger, funktioniert der sonst so wehrhafte Verwaltungsapparat ausgerechnet dann nicht mehr, wenn es unbequem wird? Wer Bußgelder verhängt, sie aber faktisch nicht durchsetzen kann, sendet ein fatales Signal: Regeln gelten für die, die sie ohnehin befolgen.
Das Recht auf freie Religionsausübung ist ein hohes Gut – für Christen, Juden, Muslime gleichermaßen. Es endet aber dort, wo andere um ihren Schlaf gebracht werden. Diese Abwägung vorzunehmen und durchzusetzen, ist Aufgabe des Staates. Nicht der genervten Nachbarn.
Ein Symbol, das größer ist als der Fall
Zuletzt sei es nach Angaben lokaler Medien vorübergehend ruhiger geworden – der Mann habe über Halsschmerzen geklagt. Eine Lösung ist das nicht, allenfalls eine Atempause.
Für viele Menschen im Ruhrgebiet ist der Fall deshalb mehr als eine skurrile Lokalposse. Er steht für ein Grundgefühl, das sich in Umfragen seit Jahren verfestigt: Der Staat zieht dort die Zügel an, wo es leicht ist – und kapituliert dort, wo es Mut kostet. Wer Vertrauen zurückgewinnen will, muss Recht durchsetzen. Konsequent, ohne Ansehen der Person.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Rechtsberatung dar; für rechtliche Fragen wenden Sie sich bitte an einen qualifizierten Anwalt.
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