
Osteuropa als Deutschlands Handelsmotor – doch Ungarn tanzt aus der Reihe
Während die politische Klasse in Berlin nicht müde wird, über exotische Handelsabkommen mit fernen Kontinenten zu schwadronieren, zeigen nüchterne Zahlen des Statistischen Bundesamtes eine ganz andere Realität: Die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands liegt vor der eigenen Haustür – in Mittel- und Osteuropa. Das Handelsvolumen mit den 29 Zielländern des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft wuchs 2025 um beachtliche 3,4 Prozent auf über 550 Milliarden Euro. Damit übertraf die Region den ohnehin soliden Gesamtanstieg des deutschen Außenhandels von 2,4 Prozent deutlich.
Polen überholt China – eine stille Revolution
Die vielleicht bemerkenswerteste Entwicklung verbirgt sich hinter einer Zahl, die man zweimal lesen muss: Polen hat sich als viertgrößter Absatzmarkt Deutschlands etabliert – vor Italien, vor China. Die deutschen Güterausfuhren nach Warschau übertrafen die Lieferungen ins Reich der Mitte um fast 19 Milliarden Euro. Man stelle sich das vor: Ein Nachbarland mit 38 Millionen Einwohnern ist für die deutsche Exportwirtschaft bedeutsamer als das bevölkerungsreichste Land der Erde. Allein die Ausfuhren nach Polen und Tschechien legten im vergangenen Jahr um nahezu neun Milliarden Euro zu.
„Mercosur oder Indien mögen in Zukunft wichtig werden – die Gegenwart heißt Mittel- und Osteuropa", brachte es die Ost-Ausschuss-Vorsitzende Cathrina Claas-Mühlhäuser bei einer Pressekonferenz in Berlin auf den Punkt. Fast jedes fünfte deutsche Exportprodukt geht in diese Region. Zum Vergleich: Nur jedes fünfzigste findet seinen Weg in die Mercosur-Staaten oder nach Indien. Zahlen, die all jene zum Nachdenken bringen sollten, die glauben, Deutschlands wirtschaftliches Heil liege ausschließlich in Übersee.
Ungarn: Orbáns Eigenwilligkeit kostet bares Geld
Doch nicht überall in Osteuropa läuft es rund. Ungarn unter Ministerpräsident Viktor Orbán erweist sich zunehmend als schwieriger Partner für die deutsche Wirtschaft. Die Exporte dorthin sanken 2025 um 1,6 Milliarden Euro – ein Rückgang von fünf Prozent. Der Grund? Budapest wolle „nationale Champions" aufbauen und beeinträchtige damit die Investitionssicherheit in strategischen Sektoren wie Telekommunikation, Banken, Einzelhandel und Baustoffe für ausländische Unternehmen.
Die Vertreter des Ost-Ausschusses bemühten sich zwar sichtlich, ihre Abneigung gegen Orbán diplomatisch zu verpacken. Doch zwischen den Zeilen wurde die Botschaft überdeutlich: Man hoffe auf einen Regierungswechsel und eine Rückkehr Ungarns auf den „europäischen Pfad". Dass die Opposition um Péter Magyar von Brüssel unterstützt werde, erwähnte man dabei fast beiläufig. Hier drängt sich freilich die Frage auf, ob es wirklich im Interesse der deutschen Wirtschaft liegt, sich derart offen in die innenpolitischen Angelegenheiten eines souveränen Staates einzumischen – oder ob man damit nicht genau jene Ressentiments befeuert, die Orbán so geschickt für sich zu nutzen weiß.
Russland: Ein Schatten seiner selbst
Die Sanktionspolitik gegen Russland zeigt derweil ihre volle Wirkung – zumindest auf dem Papier. Das deutsche Exportvolumen nach Russland ist von einst 60 Milliarden Euro auf klägliche acht Milliarden Euro zusammengeschrumpft. Belarus verzeichnete gar einen Einbruch von 63 Prozent. Claas-Mühlhäuser erwartet nicht, dass sich diese Entwicklung in absehbarer Zeit umkehren werde, räumte jedoch ein, dass Russland wegen seiner enormen Landmasse im Agrarsektor auch künftig weltweit Bedeutung behalten dürfte. 60 Milliarden Euro an verlorenem Handelsvolumen – das ist der Preis, den die deutsche Wirtschaft für die geopolitische Konfrontation zahlt. Ob dieser Preis angemessen ist, darüber lässt sich trefflich streiten.
Ukraine: Zwischen Hoffnung und Ernüchterung
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Ukraine. Noch vor wenigen Jahren klangen deutsche Unternehmer geradezu euphorisch, wenn es um die wirtschaftlichen Perspektiven des kriegsgebeutelten Landes ging. Diese Euphorie ist merklich abgekühlt. Korruptionsdebatten und dubiose Ausschreibungsmethoden haben das Vertrauen erschüttert. Die deutschen Exporte in die Ukraine stiegen 2025 zwar um gut eine Milliarde Euro – doch wie viel davon auf Rüstungsgüter entfiel, konnte oder wollte der Ost-Ausschuss nicht beziffern.
Besonders brisant: Der deutsche Steuerzahler hat über den Bund seit Kriegsbeginn rund 50 Investitionsgarantien für Vorhaben in der Ukraine übernommen. Das Risiko trägt also nicht die Wirtschaft, sondern der Bürger. Und als wäre das nicht genug, beklagte Claas-Mühlhäuser, dass bei Ausschreibungen in der Ukraine am Ende „vorrangig China und andere Länder zum Zug kommen", obwohl die Bundesregierung mit Steuergeldern helfe. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Deutsche Steuermilliarden fließen in die Ukraine, und chinesische Unternehmen kassieren die Aufträge. Ein Treppenwitz der Wirtschaftspolitik, der seinesgleichen sucht.
Unternehmen setzen auf die Region – trotz aller Widrigkeiten
Trotz der Probleme in einzelnen Ländern bleibt die Grundstimmung der deutschen Wirtschaft gegenüber Mittel- und Osteuropa bemerkenswert positiv. Einer gemeinsam mit KPMG durchgeführten Umfrage zufolge erwarten 63 Prozent der befragten Unternehmen in den nächsten fünf Jahren einen steigenden Anteil der Region an ihrem Umsatz. 39 Prozent sehen die Region als einen ihrer wichtigsten Beschaffungsstandorte weltweit, und 41 Prozent planen innerhalb der nächsten zwölf Monate Investitionen dort.
Beruhigend für den Standort Deutschland: 70 Prozent der befragten Unternehmen schließen eine Produktionsverlagerung aus Deutschland kurzfristig aus. Nur vier Prozent hätten konkrete Pläne dafür. Doch man sollte sich von diesen Zahlen nicht in falscher Sicherheit wiegen lassen. „Kurzfristig" ist ein dehnbarer Begriff, und die Rahmenbedingungen am Standort Deutschland – von der Energiepolitik über die Bürokratie bis hin zur Steuerlast – verschlechtern sich seit Jahren kontinuierlich. Wenn die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz ihr 500-Milliarden-Sondervermögen tatsächlich umsetzt, dürfte die damit einhergehende Inflation die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen weiter untergraben. Und dann könnte aus dem „kurzfristig" sehr schnell ein „mittelfristig" werden.
Die Zahlen des Ost-Ausschusses sind letztlich ein zweischneidiges Schwert: Sie zeigen einerseits, dass die deutsche Wirtschaft in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft noch immer enormes Potenzial findet. Andererseits offenbaren sie die wachsende Abhängigkeit von einer Region, deren politische Stabilität alles andere als garantiert ist. In Zeiten, in denen geopolitische Verwerfungen zur neuen Normalität werden, sollte jeder kluge Anleger über eine breite Diversifikation nachdenken – und physische Edelmetalle als bewährten Anker der Vermögenssicherung nicht außer Acht lassen.
Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Jede Investitionsentscheidung sollte auf eigener, gründlicher Recherche basieren. Wir übernehmen keine Haftung für finanzielle Entscheidungen, die auf Grundlage dieses Artikels getroffen werden.












