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Pekings 20-Prozent-Griff: Wie China die Offshore-Vermögen seiner Reichen in 90 Tagen abkassiert

Pekings 20-Prozent-Griff: Wie China die Offshore-Vermögen seiner Reichen in 90 Tagen abkassiert
Symbolbild: KI-generiert

Es gibt Momente, in denen ein Staat die Maske fallen lässt. China erlebt gerade einen solchen. Was jahrzehntelang in der Grauzone dümpelte – die steuerliche Behandlung von Offshore-Trusts, jenen Rechtskonstruktionen, in denen Chinas Superreiche ihre Beteiligungen, Immobilien und Vor-Börsengang-Anteile verwahrten –, wurde Ende Juli mit einem Federstrich geregelt. Und zwar zugunsten des Fiskus. 20 Prozent Steuer, fällig an nahezu jeder Station im Leben eines Trusts: bei der Errichtung, bei Ausschüttungen, bei der Auflösung. Rückwirkend bis Anfang 2023. Die Frist zur Erklärung und Zahlung: der 22. Oktober. Ein Fenster von exakt 90 Tagen.

Panik in Hongkong und Singapur

Die Reaktion war vorhersehbar. In Hongkong und Singapur, den bevorzugten Rechtsdomizilen chinesischer Familienvermögen, laufen seither die Telefone heiß. Anwälte berichten von Mandanten, Treuhändern und Beratern im Schockzustand. Privatbanken, Trustgesellschaften und Versicherer wollen wissen, wer betroffen ist, wie hoch die Rechnung ausfällt – und woher das Geld kommen soll. Die Dimension ist beachtlich: Allein in Hongkong lagen 2023 rund 5,2 Billionen Hongkong-Dollar, umgerechnet etwa 667 Milliarden US-Dollar, in Trusts. Mehr als die Hälfte der zugrundeliegenden Vermögenswerte stammt vom Festland oder aus Hongkong selbst.

Ein zweiter Pass ist kein Steuerkonzept. Wer seine wirtschaftlichen Interessen in China hat, bleibt für Peking steuerpflichtig – unabhängig davon, welche Staatsbürgerschaft im Reisepass steht.

Warum ausgerechnet jetzt?

Die Antwort ist so banal wie entlarvend: Dem Staat geht das Geld aus. Die Einnahmen aus Landverkäufen, jahrzehntelang die Melkkuh der kommunalen Haushalte, sind mit dem Immobilienkollaps eingebrochen. Was bleibt, wenn die Konjunktur schwächelt und der Einzelhandel kaum noch wächst? Man greift dorthin, wo noch etwas zu holen ist. Die Einkommensteuereinnahmen legten zuletzt zweistellig zu – während die Wirtschaft stagnierte. Man muss kein Ökonom sein, um zu erkennen, was hier passiert. Lokale Steuerbehörden in Schanghai, Shenzhen und Jiangsu hatten Offshore-Trusts übrigens schon vor der nationalen Regelung ins Visier genommen und in Einzelfällen kassiert. Die Verordnung legalisierte nachträglich, was längst Praxis war.

Der gläserne Steuerbürger – ein globales Projekt

Und hier wird es für den deutschen Leser interessant. Denn Peking kann nur deshalb so präzise zugreifen, weil es seit 2018 am Common Reporting Standard teilnimmt – jenem automatischen internationalen Informationsaustausch, den auch die OECD-Staaten und selbstverständlich die Bundesrepublik betreiben. Die Zahlen, die chinesische Familien nun melden, müssen zu den Daten passen, die ausländische Behörden längst nach Peking übermittelt haben. Der gläserne Bürger ist keine chinesische Erfindung. Er ist ein westliches Exportprodukt, das autoritäre Regime dankbar übernommen haben.

Wer glaubt, so etwas könne in Europa nicht passieren, sollte sich an die wiederkehrenden Debatten über Vermögensabgaben, Erbschaftsteuerverschärfungen und Transparenzregister erinnern. Ein Staat, der 500 Milliarden Euro Sondervermögen auf Pump auflegt und gleichzeitig die Klimaneutralität ins Grundgesetz schreibt, wird irgendwann nach Refinanzierung suchen. Auch in Berlin schaut man neidisch auf private Ersparnisse.

Zwangsverkäufe als Kollateralschaden

Die praktische Not der Betroffenen ist beträchtlich. Vermögen in Trusts steckt häufig in operativen Gesellschaften, illiquiden Beteiligungen oder Immobilien. Alte Bank- und Handelsunterlagen sind teils gar nicht mehr auffindbar. Und wer aus dem Trust selbst Mittel entnimmt, um die Steuer zu zahlen, löst womöglich die nächste Steuer aus. Ein Kreisverkehr, in dem der Fiskus an jeder Ausfahrt Maut kassiert.

Also wird verkauft. Beobachter erwarten, dass börsennotierte Hongkonger Titel und A-Aktien die Hauptlast tragen – schlicht weil sie am schnellsten zu Geld zu machen sind. Ein Ökonom einer amerikanischen Großbank warnt vor erzwungenen oder vorsorglichen Beteiligungsreduktionen zur Finanzierung der Steuerlast. Andere Marktbeobachter geben sich gelassener und rechnen eher mit punktuellem Verkaufsdruck als mit einem Dauercrash; Ratenzahlung über bis zu fünf Jahre ist in bestimmten Fällen möglich.

Die Lehre für Anleger

Was bleibt, ist eine unbequeme Erkenntnis. Komplexe juristische Konstruktionen, aufgebaut über Jahrzehnte, von hochbezahlten Kanzleien zertifiziert, können durch eine einzige Verwaltungsanweisung entwertet werden. Trusts, so formulieren es Berater inzwischen nüchtern, taugten weiterhin zur Nachfolgeplanung und zum Schutz des Familienvermögens – als Steuerinstrument seien sie erledigt. Was gestern noch als sicherer Hafen galt, ist heute ein registriertes, bewertetes und besteuertes Objekt staatlicher Zugriffsplanung.

Vermögen, das über Ketten von Gesellschaften, Depotbanken und Meldesystemen gehalten wird, ist immer nur so sicher wie die politische Laune der jeweiligen Regierung. Physische Edelmetalle – Gold und Silber, tatsächlich vorhanden, außerhalb des Bankensystems, ohne Gegenparteirisiko – folgen einer anderen Logik. Sie sind kein Versprechen auf Papier, sondern Substanz. Als Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio erfüllen sie genau jene Funktion, die Trusts in China gerade verloren haben: Sie machen Vermögen unabhängiger von der Gestaltungswut des Gesetzgebers.

Haftungsausschluss: Dieser Beitrag gibt ausschließlich die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt weder eine Anlageberatung noch eine Steuer- oder Rechtsberatung dar. Wir betreiben ausdrücklich keine Steuerberatung und keine Rechtsberatung. Jeder Leser ist verpflichtet, eigene Recherchen anzustellen und bei Bedarf einen qualifizierten Steuer- oder Rechtsberater hinzuzuziehen. Für Anlageentscheidungen und deren Folgen trägt jeder Anleger die alleinige Verantwortung. Eine Haftung für Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

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