
Prechts prophetischer Paukenschlag: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Brandmauer fällt“

Es gibt Sätze, die fallen leise – und entfalten trotzdem die Sprengkraft einer politischen Detonation. Der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht hat einen solchen Satz ausgesprochen. Im Podcast „Apokalypse und Filterkaffee“ sprach er mit Markus Feldenkirchen über jenes Konstrukt, das die deutsche Politiklandschaft seit Jahren wie ein Damoklesschwert überschattet: die sogenannte Brandmauer.
Precht, gewiss kein Mann, den man des rechten Lagers verdächtigen könnte, formulierte es mit bemerkenswerter Nüchternheit. Man werde die Brandmauer nicht dauerhaft aufrechterhalten können, so seine Einschätzung. Und weiter: Schon in dem Moment, in dem man den Begriff überhaupt erfunden habe, sei allen Beteiligten klar gewesen, dass diese Mauer nur für wenige Jahre halten würde.
Wenn selbst die Denker des Mainstreams das Ende einläuten
Was für eine Wendung. Ausgerechnet Precht, der intellektuelle Dauergast der öffentlich-rechtlichen Talkshows, greift damit auf, was Millionen Bürger längst spüren: Dieses politische Bollwerk, mit dem eine gewählte und – man kann es nicht oft genug betonen – demokratisch legitimierte Partei aus dem gesellschaftlichen Diskurs ausgeschlossen werden soll, hat ein Verfallsdatum. Und dieses Datum rückt näher.
„Ich glaube, dass die Notwendigkeit, mit der AfD zu reden, besteht. Man wird nicht dauerhaft die Brandmauer aufrechterhalten können.“
Anlass für Prechts Ausführungen war die jüngste Aussage des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, wonach die Brandmauer obsolet sei. Precht knüpft daran an und benennt das Offensichtliche: Angesichts der beeindruckenden Umfragewerte, insbesondere im Osten der Republik, komme man schlicht nicht mehr umhin, das Gespräch zu suchen.
Was hinter verschlossenen Türen längst gedacht wird
Besonders pikant ist Prechts Bemerkung über die inneren Zustände der Union. Solche Szenarien, sagte er sinngemäß, seien in den Köpfen sehr, sehr vieler CDU-Politiker bereits präsent – nur eben „off the record“, hinter vorgehaltener Hand, keinesfalls im gleißenden Scheinwerferlicht der Talkshow. Man kennt das Spiel: Öffentlich empört man sich, privat kalkuliert man. Die Doppelmoral als politische Kunstform.
Sollte die AfD bei der nächsten Bundestagswahl stärkste Kraft werden, so Precht, könnte sich die CDU in einer Lage wiederfinden, in der eine Zusammenarbeit unausweichlich wird. Die Frage sei dann nicht mehr ob, sondern wie.
Der Lackmustest heißt Regierungsverantwortung
Interessant ist Prechts Perspektive auf die Landesebene. Sobald die Partei tatsächlich in Regierungsverantwortung komme, werde sich zeigen, ob die vielbeschworenen Befürchtungen einer „völkischen Wende“ Realität würden – oder eben nicht. Genau diesen Praxistest, so der Philosoph, betrachteten manche in der Union als Maßstab für ihre eigene strategische Zukunft.
Precht, der stets bemüht ist, differenziert zu argumentieren, betonte gleichzeitig eine demokratische Selbstverständlichkeit: Unter Parteien, die nicht verboten und demokratisch legitimiert seien, müsse im Prinzip jede Koalition möglich sein. Man müsse freilich genau prüfen, worauf man sich einlasse. Eine Empfehlung wolle er nicht aussprechen – doch der Zahn der Zeit gehe ohnehin in diese Richtung.
Ein Philosoph als Mahner der Meinungsfreiheit
Es überrascht kaum, dass ausgerechnet Precht diese Position einnimmt. Vergangenes Jahr veröffentlichte er den Bestseller „Angststillstand: Warum die Meinungsfreiheit schwindet“ – ein Titel, der Bände spricht über den Zustand einer Republik, in der abweichende Meinungen zunehmend an den Rand gedrängt werden. Im Podcast warnte er erneut eindringlich davor, Wähler auszugrenzen.
Man könne nicht dauerhaft Menschen die Möglichkeit verwehren, ihre Meinung zu äußern, ohne sie augenblicklich an den Rand der Gesellschaft zu stellen, so Precht. Das werde sich schlicht nicht aufrechterhalten lassen. Ein Satz, der in seiner Klarheit sitzt – und der jenen ins Stammbuch geschrieben sei, die Millionen Wähler pauschal moralisch verurteilen.
Die Wahrheit ist unbequem, aber sie lässt sich nicht ewig hinter einer Mauer verstecken. Eine Demokratie, die ganze Wählergruppen ausschließt, gräbt sich am Ende ihr eigenes Grab. Precht hat es ausgesprochen. Ob die politische Klasse zuhört, ist eine andere Frage – die Bürger dieses Landes jedenfalls haben längst begriffen, dass Mauern, gleich welcher Art, in Deutschland selten von Dauer sind.

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