
Sieben Millionen Euro für Werbefilmchen: Die Deutsche Bahn verprasst Geld, während Zugbegleiter um ihr Leben fürchten

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Über sieben Millionen Euro hat die Deutsche Bahn für eine Handvoll Kurzvideos mit Comedienne Anke Engelke ausgegeben. Sieben Millionen. Für sieben Clips von anderthalb bis drei Minuten Länge und einen sogenannten „Bahnsong". Während Zugbegleiter auf deutschen Schienen um ihre körperliche Unversehrtheit bangen müssen, während Fahrgäste sich in maroden Waggons durch ein chronisch verspätetes System quälen, investiert der Staatskonzern lieber in eine PR-Offensive, die so wirkt, als hätte man den letzten Rest an Realitätssinn am Prellbock abgegeben.
Selbstironie als Ablenkungsmanöver
Die im Oktober gestartete Kampagne „Boah, Bahn" sollte offenbar mit einem Augenzwinkern die notorischen Probleme des Konzerns thematisieren. Engelke schlüpfte in die Rolle einer fiktiven Zugchefin namens Tina und nahm sich – ganz selbstironisch – defekter Kaffeemaschinen und chaotischer Fahrpläne an. Anfangs wurde das Ganze durchaus wohlwollend aufgenommen. Humor als Ventil, Selbstironie als Sympathieträger – so weit, so nachvollziehbar. Doch spätestens seit die astronomischen Kosten dieser Imagepolitur ans Licht gekommen sind, hat sich die Stimmung gedreht. Und zwar gewaltig.
Was besonders bitter aufstößt: Kurz vor dem Start der Kampagne hatte die Deutsche Bahn die beliebte Familienreservierung für 5,50 Euro gestrichen. Man spart also beim Service für Familien – jene Klientel, die man in Sonntagsreden so gerne als Rückgrat der Gesellschaft beschwört – und wirft gleichzeitig Millionen für YouTube-Filmchen aus dem Fenster. Die Prioritäten dieses Unternehmens sind so verschoben wie die Weichen auf einer maroden Nebenstrecke.
Geheimniskrämerei im Bundestag
Besonders pikant ist der Versuch, die Kosten unter Verschluss zu halten. Auf eine parlamentarische Anfrage hin wurde die Summe offenbar in der Geheimschutzstelle des Bundestages hinterlegt – mit der fadenscheinigen Begründung, man wolle wirtschaftliche Nachteile für die DB vermeiden. Wirtschaftliche Nachteile? Für ein Unternehmen, das seit Jahren Milliardenverluste einfährt und dessen Pünktlichkeitsquote zum Running Gag der Nation geworden ist? Das ist keine Transparenz, das ist Verschleierung mit Ansage. Und es wirft die Frage auf, was in diesem Land eigentlich noch alles hinter verschlossenen Türen verhandelt wird, wenn es um die Verwendung von Steuergeldern geht.
Denn vergessen wir nicht: Die Deutsche Bahn gehört zu hundert Prozent dem Bund. Jeder Euro, der dort verschleudert wird, ist letztlich das Geld des deutschen Steuerzahlers. Desselben Steuerzahlers, der sich morgens in überfüllte Regionalzüge quetscht, der bei Minusgraden auf zugigen Bahnsteigen steht und der für eine einfache Fahrt von München nach Hamburg mittlerweile Preise zahlt, die an Flugreisen in die Karibik erinnern.
Hundert Sicherheitskräfte – oder sieben Filmchen
Der SPD-Innenpolitiker Sebastian Fiedler brachte es auf den Punkt: Für dieselbe Summe hätten mindestens hundert Sicherheitskräfte ein ganzes Jahr lang bezahlt werden können. Hundert Menschen, die auf Bahnhöfen und in Zügen für Ordnung sorgen könnten. Hundert Menschen, die vielleicht dazu beigetragen hätten, dass sich Fahrgäste und Bahnmitarbeiter sicherer fühlen. Stattdessen gibt es sieben Kurzclips auf Instagram und YouTube.
Dieser Vergleich gewinnt eine besonders beklemmende Dimension vor dem Hintergrund des tödlichen Angriffs auf einen Zugbegleiter, der sich erst kürzlich ereignete. Ein Mann, der seinen Job machte, der Fahrkarten kontrollierte, der den Betrieb am Laufen hielt – tot. Ermordet bei der Ausübung seiner Pflicht. Und während seine Kollegen trauern und sich fragen, ob sie morgen das nächste Opfer sein könnten, erfährt die Öffentlichkeit, dass ihr Arbeitgeber lieber Millionen in Imagefilmchen steckt als in ihre Sicherheit.
Die Sicherheitslage auf deutschen Schienen ist ein Spiegelbild der gesamten Republik
Was sich auf Deutschlands Bahnhöfen und in den Zügen abspielt, ist längst kein Randphänomen mehr. Die zunehmende Gewalt gegen Bahnmitarbeiter, die Messerattacken, die Übergriffe – all das ist Ausdruck einer Sicherheitskrise, die weit über die Gleise hinausreicht. Es ist die Konsequenz einer jahrelangen Fehlpolitik, die bei der inneren Sicherheit gespart, bei der Migration weggeschaut und bei der Justiz beide Augen zugedrückt hat. Dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung diese Zustände nicht länger hinnehmen will, überrascht niemanden mehr – außer vielleicht jene Politiker, die immer noch glauben, man könne reale Probleme mit Werbekampagnen lösen.
Ein Staatskonzern im freien Fall
Die Deutsche Bahn ist längst zum Symbol für alles geworden, was in diesem Land schiefläuft. Milliardenschwere Infrastrukturprojekte, die sich um Jahrzehnte verzögern. Ein Schienennetz, das an vielen Stellen dem Zustand eines Entwicklungslandes gleicht. Vorstände, die kommen und gehen und dabei stets das Blaue vom Himmel versprechen – Pünktlichkeit, Sauberkeit, Digitalisierung –, nur um dann sang- und klanglos wieder abzutreten, wenn die Realität ihre Versprechen einholt.
Und nun also diese Werbekampagne. Sieben Millionen Euro, damit eine Komikerin in einer Miniserie über kaputte Kaffeemaschinen witzelt. Man fragt sich unwillkürlich: Wer hat das genehmigt? Wer hat unterschrieben? Und vor allem: Wird irgendjemand dafür zur Verantwortung gezogen? Die Antwort kennt man in Deutschland leider schon im Voraus. Natürlich nicht. Verantwortung ist in der deutschen Verwaltungskultur ein Fremdwort, das man bestenfalls in Sonntagsreden bemüht, aber niemals mit Konsequenzen füllt.
Für dieselbe Summe hätten mindestens hundert Sicherheitskräfte ein Jahr lang bezahlt werden können – gerade nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter wirkt das PR-Budget wie aus der Zeit gefallen.
Wenn Humor zum Zynismus wird
Es gibt Momente, in denen Selbstironie charmant wirkt. Und es gibt Momente, in denen sie zum blanken Zynismus verkommt. Wenn ein Unternehmen, das seinen eigenen Mitarbeitern keinen sicheren Arbeitsplatz garantieren kann, Millionen ausgibt, um über seine eigenen Defizite zu lachen, dann ist die Grenze zum Zynismus längst überschritten. Die Fahrgäste, die täglich mit Verspätungen, Ausfällen und überfüllten Zügen kämpfen, können über diese Art von Humor schon lange nicht mehr lachen. Und die Angehörigen des getöteten Zugbegleiters erst recht nicht.
Deutschland braucht keine Werbefilmchen. Deutschland braucht eine funktionierende Bahn. Pünktliche Züge, sichere Bahnhöfe, bezahlbare Tickets. Und vor allem braucht es Verantwortliche, die endlich begreifen, dass man die Probleme dieses Landes nicht mit Instagram-Clips und ironischen Kurzfilmen lösen kann. Sieben Millionen Euro – zum Fenster hinausgeworfen, während draußen die Realität an die Scheibe klopft.

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