
Trotz WHO-Austritt: USA kehren bei Grippeimpfstoff-Planung an den Verhandlungstisch zurück
Es ist eine jener Volten der internationalen Politik, die man sich kaum besser ausdenken könnte: Die Vereinigten Staaten, die erst im Januar unter Präsident Donald Trump offiziell aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgetreten sind, werden nun Ende des Monats an einem WHO-Treffen zur Zusammensetzung kommender Grippeimpfstoffe teilnehmen. Pragmatismus schlägt Prinzipien – zumindest wenn es um die eigene Bevölkerung geht.
Ein Austritt mit Hintertür
Washington hatte den Austritt aus der UN-Gesundheitsbehörde mit deren angeblichem Versagen beim Management der COVID-19-Pandemie begründet. Ein Jahr lang hatte die Trump-Administration gewarnt, gedroht und schließlich vollzogen, was viele Experten als gefährlichen Alleingang bezeichneten. Doch nun zeigt sich: Ganz so konsequent ist die Abkehr dann doch nicht. Maria Van Kerkhove, WHO-Direktorin für Epidemie- und Pandemievorsorge, bestätigte auf einer Pressekonferenz, dass die USA an der Sitzung des globalen Influenza-Überwachungs- und Reaktionsnetzwerks teilnehmen werden – einem System von mehr als 150 Laboratorien in 130 Ländern, das saisonale und zoonotische Grippeviren verfolgt und alle sechs Monate Impfstoffempfehlungen aktualisiert.
Sieben sogenannte Kooperationszentren bilden das Rückgrat dieses Netzwerks, darunter Einrichtungen in den USA, Großbritannien und Australien. Man kann die WHO also verlassen, aber offenbar nicht gänzlich auf ihre Infrastruktur verzichten. Ein bemerkenswertes Eingeständnis, das freilich niemand in Washington so nennen würde.
Finanzierungsprobleme bremsen globale Virusüberwachung
Van Kerkhove räumte zudem ein, dass es nach Finanzierungsschwierigkeiten einen „leichten Rückgang" bei der weltweiten Zirkulation von Influenza-Virusproben gegeben habe. Die Lieferungen seien mittlerweile jedoch wieder aufgenommen worden. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um einen Zusammenhang zwischen dem amerikanischen Rückzug aus internationalen Gesundheitsstrukturen und derartigen Finanzierungsengpässen zu vermuten. Wenn der größte Geldgeber den Tisch verlässt, wird die Rechnung für alle anderen teurer.
Ethik-Streit um Hepatitis-B-Studie in Guinea-Bissau
Doch die Grippeimpfstoff-Kooperation war nicht das einzige brisante Thema der Pressekonferenz. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus bezeichnete eine von den USA finanzierte Studie in Guinea-Bissau, die die Auswirkungen von Hepatitis-B-Impfungen auf Neugeborene untersuchen soll, unmissverständlich als unethisch. „Was die Position der WHO betrifft, ist es unethisch, mit dieser Studie fortzufahren", erklärte Tedros, fügte jedoch hinzu, dass es letztlich eine innerstaatliche Entscheidung sei.
Die Studie hat erhebliche Kritik auf sich gezogen, und das aus gutem Grund: Einige der beteiligten Neugeborenen würden den Impfstoff nicht erhalten – in einem Land mit hohen Hepatitis-B-Raten, wo die Krankheit häufig während der Geburt von der Mutter auf das Kind übertragen wird und zu Leberversagen und Krebs führen kann. Wissenschaftler weltweit haben sich gegen das Vorhaben ausgesprochen, da der Impfstoff nachweislich sicher sei und Leben rette.
Die fragwürdige Argumentation der Forscher
Die an der Studie beteiligten Forscher verteidigen ihr Projekt mit dem Argument, der Impfstoff werde in Guinea-Bissau ohnehin nicht bei der Geburt verabreicht, sondern erst im Alter von sechs Wochen. Die Untersuchung sollte mögliche „unspezifische Effekte" des Impfstoffs erforschen, darunter Hauterkrankungen und neurologische Entwicklungsstörungen wie Autismus. Afrikanische Gesundheitsbeamte erklärten im Januar, die Studie sei nicht abgesagt, werde aber einer weiteren ethischen Überprüfung unterzogen.
Man darf sich durchaus fragen, ob es moralisch vertretbar ist, Neugeborenen in einem der ärmsten Länder der Welt einen lebensrettenden Impfstoff vorzuenthalten, um wissenschaftliche Hypothesen zu testen, die in westlichen Ländern längst als widerlegt gelten. Die Verbindung zwischen Impfungen und Autismus – einst von einem diskreditierten britischen Arzt in die Welt gesetzt – geistert offenbar weiterhin durch manche Forschungsanträge.
Amerikas zwiespältiges Verhältnis zur Weltgesundheit
Die gleichzeitige Teilnahme an WHO-Impfstofftreffen und die Finanzierung ethisch fragwürdiger Studien in Afrika zeichnen ein widersprüchliches Bild der amerikanischen Gesundheitspolitik unter Trump. Einerseits erkennt man die Unverzichtbarkeit internationaler Kooperation bei der Grippebekämpfung an, andererseits untergräbt man das Vertrauen in multilaterale Institutionen durch den demonstrativen Austritt.
Für Europa und insbesondere für Deutschland sollte dies eine Mahnung sein. Die Abhängigkeit von einem einzigen dominanten Akteur in der globalen Gesundheitsarchitektur ist ein Risiko, das sich in Krisenzeiten bitter rächen kann. Wer heute bei der Grippeimpfstoff-Zusammensetzung kooperiert, kann morgen wieder den Verhandlungstisch verlassen. Verlässlichkeit sieht anders aus.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Zusammenarbeit zwischen Washington und der WHO in den kommenden Monaten entwickeln wird. Die Teilnahme am Influenza-Treffen mag ein pragmatisches Zeichen sein – doch Pragmatismus allein ersetzt keine konsistente Gesundheitspolitik. Die Welt braucht verlässliche Partner, keine launischen Großmächte, die je nach Tagesform ein- und austreten.

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