
Wenn an alle gedacht wird, denkt niemand mehr an die Deutschen: Das Schweigen ĂĽber die Vertreibung

Es gibt Orte in Berlin, an denen sich das ganze Drama deutscher Erinnerungspolitik wie unter einem Brennglas verdichtet. Das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung ist ein solcher Ort. Sieben Jahre nach seiner Eröffnung steht es da wie ein teures Mahnmal der Vergeblichkeit: zentrale Lage, repräsentatives Gebäude, freier Eintritt – und dennoch verirren sich kaum Besucher in seine Räume. Kein gesellschaftlicher Aha-Effekt, keine Debatte, kein historischer Funke ist je von hier ausgegangen. Und das ist kein Zufall, sondern Programm.
Ein Konzept, das nicht aufgehen kann
Dass der Vertrag mit der bisherigen Stiftungsdirektorin nicht verlängert wurde, mag man als Konsequenz deuten. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer. Es ist die Grundidee des Hauses selbst, die nicht trägt – weil sie zusammenzwingt, was nicht zusammengehört. Nach eigener Selbstauskunft betrachtet das Zentrum „Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration im 20. und 21. Jahrhundert aus einer europäischen wie globalen Perspektive“. Und in genau diesem nebulösen Wortgeklingel verschwindet, was eigentlich der Ausgangspunkt sein sollte: das Schicksal von über 14 Millionen Deutschen, die aus den preußischen Ostprovinzen und ihren jahrhundertealten Siedlungsgebieten in Mittel-, Südost- und Osteuropa vertrieben wurden.
Bezeichnend ist eine sprachliche Feinheit: Ein aktueller Referentenentwurf aus dem Bundesinnenministerium ersetzt das den deutschen Vertriebenen bislang zugestandene „auch“ durch „insbesondere“. Eine Korrektur in die richtige Richtung – die jedoch nichts daran ändert, dass das ursprünglich vom Bund der Vertriebenen initiierte Projekt verwässert, verbogen und schließlich in sein Gegenteil verkehrt wurde.
Das Bullauge der „Gustloff“ neben dem Iris-Scanner
Wer die Ausstellung betritt, erlebt die ganze Verlogenheit dieser Gleichmacherei. Im hellen ersten Obergeschoss, dort wo die Aufmerksamkeit am größten ist, werden Wanderungsbewegungen aus aller Welt präsentiert. Das Bullauge des im Januar 1945 versenkten Flüchtlingsdampfers „Wilhelm Gustloff“ steht gleichberechtigt neben einem Iris-Scanner-Bezahlsystem aus einem jordanischen Flüchtlingslager. Der Fellmantel eines ostpreußischen Flüchtlingsmädchens aus dem grausamen Winter 1945 hängt neben dem Klapprad eines Syrers, der damit von Russland nach Norwegen radelte.
Vietnamesische Boatpeople, Kriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien und deutsche Vertriebene – alles auf Augenhöhe, alles gleich gewichtet, alles eingeebnet zu einem einig-bunten Völkergemisch aus Zwangsmigranten.
Die Botschaft ist kaum verklausuliert: Die Grenzöffnung von 2015 erscheint als der nächste logische Schritt einer ewigen Migrationsgeschichte. Wo aber bleibt das eigentliche Anliegen? Die Vertriebenenausstellung selbst liegt – man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen – versteckt im zweiten Obergeschoss. Tageslichtlos, düster beleuchtet, in ihrer Kühle beinahe aseptisch. Symbolträchtiger lässt sich Verdrängung kaum inszenieren.
Eine nationale Katastrophe, die niemand benennen darf
Dabei sprechen die nüchternen Fakten eine erschütternde Sprache. Ein Viertel des deutschen Staatsterritoriums – seit 1914 sogar mehr als ein Drittel – ging verloren. Zwei Millionen Tote sind zu beklagen. Die kulturellen und wirtschaftlichen Verluste, das menschliche Elend, sind kaum zu beziffern. Die Massaker, die Todesmärsche, die Plünderungen, die Folter in Internierungslagern wie Lamsdorf, Potulitz oder Zgoda – all das gehört zur Wahrheit dieses Kapitels. Doch genau diese Wahrheit soll offenbar unter dem Teppich bleiben.
Während man bemüht war, die „besonderen Sensibilitäten“ der Nachbarn zu berücksichtigen, scheinen deutsche Sensibilitäten schlicht unmaßgeblich gewesen zu sein. Die Polen wollten ihre Martyrologie nicht beflecken lassen, die Russen ihre Befreiermission, die Tschechen nicht an die Beneš-Dekrete erinnert werden. Und so wird die Vertreibung im Berliner Zentrum nur im Kontext des Nationalsozialismus gezeigt – der wiederum kontextlos über eine sonst friedvolle Welt gekommen zu sein scheint.
Versöhnung setzt Wahrheit voraus
Versöhnung bedeutet, dass jede Seite bereit ist, die Perspektive des anderen einzunehmen. Das setzt voraus, die Fakten zu akzeptieren, so schmerzhaft sie auch sein mögen. Genau an dieser Aufgabe versagt das Zentrum. Selbst Golo Mann zitierte in seiner „Deutschen Geschichte“ den britischen Economist, der seinerzeit schrieb, die Alliierten hätten den Krieg gegen Hitler mit einem Frieden im Stile Hitlers beendet. Churchill selbst kündigte im Dezember 1944 im Unterhaus an, man werde nun ethnisch „reinen Tisch“ machen. Mehr als zehn Millionen Menschen von Haus und Hof zu vertreiben und in ein zerstörtes Restterritorium zu pressen, bedeutete, ein Massensterben billigend in Kauf zu nehmen.
Wer das reine Befreiungsnarrativ verabsolutiert hat, dem bereitet die Konfrontation mit diesen Tatsachen eine kognitive Dissonanz. Die Flucht in die bundesdeutsche Schuldtranszendenz ist dann nur der bequeme Ausweg – und ausgerechnet dieser wird an diesem Ort ausgiebig zelebriert.
Eine verquere Logik mit Folgen fĂĽr heute
Das Vertreibungsthema ist eben keineswegs erledigt. Es wirkt subkutan weiter – bis in die Migrationspolitik der Gegenwart hinein. Die verquere Logik scheint mittlerweile zu lauten: Weil damals Millionen Deutsche vertrieben wurden, müssten heute eben Millionen Fremde aufgenommen werden. Ein vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages erstelltes Gutachten führt akademische Versuche auf, das bislang anerkannte Recht auf Heimat umzudeuten und schlicht umzukehren: Migranten hätten demnach das Recht, sich anderswo – gern in Deutschland – eine neue Heimat zu suchen.
Hier zeigt sich, wohin diese gezielte Erinnerungsverwässerung führt. Es geht weder um materielle noch um moralische Revanche. Es geht um die Herstellung eines historisch gerechten Selbstbildes – und um ein politisches Selbstbewusstsein, das sich gegen moralische Erpressungsversuche immun erweist und zu rationalem, am eigenen Volk orientiertem Handeln befähigt. Genau dieses Selbstbewusstsein aber wird in Deutschland systematisch verhindert.
Ein Volk, das sich selbst vergisst
Es ist die bittere Pointe deutscher Erinnerungskultur: Ein Land, das fähig ist, an alle Opfer dieser Welt zu denken, scheint unfähig, seiner eigenen zu gedenken. Wo aber an alle gedacht wird, wird am Ende an niemanden gedacht. Das Berliner Zentrum, das die Vertreibung der Deutschen ins Bewusstsein heben sollte, ist zum Mahnmal dieser Selbstvergessenheit geworden. Es bräuchte eine radikale Neuaufstellung, um aus seinem Schattendasein herauszutreten. Doch solange die politische Klasse in Berlin lieber Schuld verwaltet, als Wahrheit zuzulassen, wird dieses Haus bleiben, was es ist: ein teures Denkmal des Verschweigens.
Und so dürfte das Leid der deutschen Vertreibungsopfer weiterhin im Halbdunkel des zweiten Obergeschosses verharren – während im hellen Erdgeschoss die Geschichte umgeschrieben wird. Es ist nicht allein die Meinung unserer Redaktion, sondern die vieler Bürger, dass ein Volk, das sich seiner eigenen Geschichte nicht ehrlich stellen darf, seine Zukunft verspielt.
Was Geschichte uns ĂĽber echte Werte lehrt
Eine Lehre durchzieht alle Vertreibungsschicksale wie ein roter Faden: Hab und Gut, Konten und Papiervermögen waren in den Wirren von 1945 von einem Tag auf den anderen wertlos. Was blieb, war oft nur, was man am Körper trug. Wer über die Jahrhunderte hinweg betrachtet, welche Werte in Krisen, Vertreibungen und Währungsumbrüchen Bestand hatten, der stößt unweigerlich auf physische Edelmetalle wie Gold und Silber. Sie waren über Generationen hinweg ein verlässlicher Anker, wenn Staaten zusammenbrachen und Vermögen sich in Luft auflösten. Als Beimischung zu einem breit gestreuten Vermögen können physische Edelmetalle daher eine sinnvolle Ergänzung zur langfristigen Vermögenssicherung darstellen.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Grundlage der uns vorliegenden Informationen wieder und stellt keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Jeder Anleger ist verpflichtet, sich eigenständig zu informieren und seine Entscheidungen selbst zu verantworten. Für individuelle Fragen sollte stets ein qualifizierter Fachberater hinzugezogen werden.

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