
Erdrutsch im Nordosten: AfD dominiert Mecklenburg-Vorpommern mit 37 Prozent
Die politische Tektonik in Mecklenburg-Vorpommern verschiebt sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der Ostsee-Zeitung zeichnet ein Bild, das den etablierten Parteien den Schweiß auf die Stirn treiben dürfte: Die AfD erreicht im nordöstlichen Bundesland satte 37 Prozent und ist damit mit gewaltigem Abstand stärkste politische Kraft. Am 20. September wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt – und die Vorzeichen könnten für die bisherige Regierung kaum düsterer sein.
Schwesigs rot-rote Koalition vor dem Aus
Die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig kommt laut der Erhebung auf magere 23 Prozent. Die CDU dümpelt bei beschämenden 13 Prozent, die Linke erreicht 11 Prozent. Grüne und FDP spielen mit 4 beziehungsweise 2 Prozent praktisch keine Rolle mehr – ein Befund, der angesichts der desaströsen Bilanz dieser Parteien auf Bundesebene kaum überraschen dürfte. Das Bündnis Sahra Wagenknecht kratzt mit 5 Prozent an der Sperrklausel.
Was diese Zahlen in aller Deutlichkeit zeigen: Eine Neuauflage der bisherigen rot-roten Koalition aus SPD und Linken hätte keine Mehrheit mehr. Die Wähler im Nordosten haben offenkundig genug von einer Politik, die ihre Sorgen und Nöte seit Jahren ignoriert. Seit Februar 2025 legte die AfD von 29 auf nunmehr 37 Prozent zu – ein Zuwachs von acht Prozentpunkten, der in seiner Dynamik seinesgleichen sucht.
„Es geht in Richtung Alleinregierung"
AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm kommentierte die Zahlen mit den selbstbewussten Worten, es gehe „in Richtung Alleinregierung". Ob diese Prognose realistisch ist, wird sich zeigen. Doch allein die Tatsache, dass ein solcher Satz überhaupt ausgesprochen werden kann, illustriert das tektonische Beben, das die deutsche Parteienlandschaft erfasst hat.
Der Rostocker Politologe Wolfgang Muno analysierte nüchtern, dass rechnerisch nur ein Dreierbündnis aus SPD, Linken und CDU mehrheitsfähig wäre. Eine Koalition, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: Sozialdemokraten, Postkommunisten und Christdemokraten in einem Boot – vereint durch nichts anderes als die gemeinsame Ablehnung der AfD. Muno erklärte, die CDU schließe eine Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch aus, da sie sich sonst zum „Juniorpartner und Steigbügelhalter des Rechtsextremismus" machen würde.
Die Brandmauer als demokratisches Paradoxon
Man muss sich diese Situation einmal vergegenwärtigen: Eine Partei, die mehr als ein Drittel der Wähler hinter sich vereint, soll von der Regierungsbildung ausgeschlossen werden. Stattdessen würden sich drei Parteien zusammenraufen, die inhaltlich kaum weiter auseinanderliegen könnten – nur um den Wählerwillen zu konterkarieren. Ist das die Demokratie, die man den Bürgern verspricht? Oder ist es nicht vielmehr ein Armutszeugnis für ein politisches System, das sich zunehmend von den Menschen entfremdet hat?
Ministerpräsidentin Schwesig versuchte sich derweil in Zweckoptimismus und erklärte, die Werte der SPD seien im Vergleich zum Vorjahr „leicht gestiegen" und dies gehe „in die richtige Richtung". Bei 23 Prozent und einem Rückstand von 14 Punkten auf die AfD wirkt diese Einschätzung bestenfalls wie Pfeifen im Walde. Die CDU bezeichnete die Umfrage pflichtschuldig als „Momentaufnahme", während die Linke einmal mehr vor der AfD als „Gefahr für die Demokratie" warnte.
Merz' gescheitertes Versprechen
Besonders pikant ist die Entwicklung vor dem Hintergrund der Ankündigungen von Bundeskanzler Friedrich Merz, der einst vollmundig versprochen hatte, die AfD zu halbieren. Das Gegenteil ist eingetreten. In Mecklenburg-Vorpommern hat sich die Partei seit der Bundestagswahl massiv verstärkt. Die Große Koalition in Berlin, die seit Mai 2025 regiert, scheint den Unmut der Bürger nicht etwa zu dämpfen, sondern weiter zu befeuern. Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen, die ausufernde Staatsverschuldung und eine Migrationspolitik, die vielen Bürgern als völlig unzureichend erscheint – all das treibt die Menschen in die Arme der einzigen Partei, die eine echte Alternative zum Einheitsbrei der etablierten Kräfte verspricht.
Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern könnte zum Fanal werden. Nicht nur für den Nordosten, sondern für die gesamte Republik. Denn was sich hier abzeichnet, ist kein regionales Phänomen – es ist der Ausdruck eines tiefen Vertrauensverlustes in eine politische Klasse, die seit Jahren an den Bedürfnissen der Menschen vorbeiregiert. Steigende Energiepreise, eine marode Infrastruktur, explodierende Kriminalität und eine Gesellschaft, die sich zunehmend gespalten fühlt: Die Quittung kommt an der Wahlurne.
Der Osten als politisches Seismogramm
Schon bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen hatte sich gezeigt, dass die ostdeutschen Bundesländer als politisches Frühwarnsystem fungieren. Die Menschen dort haben eine feinere Antenne für obrigkeitsstaatliche Tendenzen – die Erfahrung mit der DDR-Diktatur sitzt tief. Wenn nun in Mecklenburg-Vorpommern mehr als jeder dritte Wähler sein Kreuz bei der AfD machen würde, dann ist das kein Protest aus Jux und Tollerei. Es ist ein Hilferuf einer Bevölkerung, die sich von Berlin im Stich gelassen fühlt.
Die kommenden Monate bis zur Wahl am 20. September werden zeigen, ob die etablierten Parteien endlich bereit sind, die Botschaft zu verstehen – oder ob sie weiterhin in ihrer Blase verharren und den Wählerwillen mit immer absurderen Koalitionskonstruktionen aushebeln wollen. Eines steht fest: Die politische Landkarte Deutschlands wird sich weiter verändern. Und die Bürger haben es satt, dass über ihre Köpfe hinweg regiert wird.
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