
Gas-Poker auf dem Balkan: Brüssel zittert vor Trumps LNG-Offensive
Amerikanische Energiekonzerne drängen mit aller Macht in den Westbalkan – und in Brüssel wächst die Nervosität. Albanien, Kosovo sowie Bosnien und Herzegowina zeigen großes Interesse an Flüssiggas (LNG) aus den USA. Auf einem Energieforum in Wien warnten EU-Vertreter nun offen: Die Region könnte am Tropf fossiler Brennstoffe aus Übersee hängen bleiben.
Die Angst vor der „Karbonisierung“
Der Streit dreht sich um eine simple Frage: Braucht eine Region, die kaum Gas verbraucht, plötzlich riesige Gasmengen? In Albanien etwa liegt der Anteil von Erdgas am Energiemix laut Bericht bei gerade einmal 1,8 Prozent.
András Hujber, der für die EU-Kommission die Energiediplomatie auf dem Westbalkan verantwortet, sieht die Deals kritisch. Die Beitrittskandidaten hätten sich zur Dekarbonisierung verpflichtet, neue Gasinfrastruktur laufe diesem Ziel zuwider. Sie könne sogar zu einer „Karbonisierung“ der Region beitragen. Seine Botschaft bringt er auf eine knappe Formel:
„Wir sollten kein Gas in Märkte bringen, die kein Gas haben.“
Hintergrund: Die EU will ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 auf null senken. Wer beitreten will, muss mitziehen. Ob man mit solchen Vorgaben Länder überzeugt, die im Winter um jede Kilowattstunde kämpfen, darf man bezweifeln.
Pipeline mit Trump-Nähe: Das Bosnien-Dossier
Besonders heikel ist ein Projekt in Bosnien und Herzegowina. Eine Pipeline, die sogenannte Südliche Interkonnektion, soll Gas vom LNG-Terminal auf der kroatischen Insel Krk ins Land bringen. Das Parlament der bosnisch-kroatischen Föderation schrieb per Gesetz die Firma AAFS als Betreiber fest. Medienberichten zufolge wurde sie erst Ende 2025 gegründet und wird von engen Vertrauten Donald Trumps geführt, darunter ein früherer Anwalt des Präsidenten.
Kritiker sprechen von fehlender Transparenz, im Raum stehen Korruptionsvorwürfe. Laut Bericht hat der EU-Botschafter bereits Briefe geschrieben. Artur Lorkowski, Direktor der Energiegemeinschaft, eines EU-geführten Programms, stellt klar: Wer liefere, sei egal. Bosnien dürfe aber niemandem einen privilegierten Marktzugang verschaffen.
Sarajevo hält dagegen. Das Land hängt praktisch an einer einzigen Leitung mit russischem Gas. Die Pipeline solle diese Abhängigkeit beenden und nicht das Land ans Gas ketten, erklärte eine Sprecherin des zuständigen Ministeriums. Erdgas sei eine Übergangslösung, nicht das Endziel. Ratifiziert ist bislang weder der bosnische noch der albanische Deal.
Brüssels Doppelmoral
Hier wird es pikant. Die EU verbietet schrittweise russisches Gas, fördert selbst kaum eigenes und weigert sich, neue Gasinfrastruktur auf dem Balkan zu finanzieren. Gleichzeitig hängt sie selbst zunehmend am amerikanischen LNG. Die Balkanstaaten sollen also genau das nicht tun, was Brüssel längst selbst tut?
Ausgerechnet Lorkowski bringt es erfrischend ehrlich auf den Punkt. Er sehe nicht, dass die EU das Gas liefern könne, sagte er. Und weiter:
„Man kann niemandem vorwerfen, dass er sich die Zeit nimmt, das zu verkaufen, was er hat.“
Washington verfolgt dabei offen seine Doktrin der „Energiedominanz“. Das US-Energieministerium verspricht Stabilität, niedrigere Preise und mehr Wohlstand. Der Krieg mit dem Iran hat die Weltmärkte zusätzlich verknappt, und die US-Gasbranche nutzt diese Lücke konsequent.
Realpolitik schlägt Klimaideologie
Albanien begründet seinen Gasbedarf ganz nüchtern: Die dominierende Wasserkraft werde durch Dürren immer unzuverlässiger, sagte ein Regierungsvertreter. Das Land plant zudem einen regionalen Gas-Hub in der Hafenstadt Vlora.
Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der Fall ein altbekanntes Muster: Brüssel setzt ehrgeizige Klimaziele, überlässt die Versorgungssicherheit aber anderen. Die Länder des Balkans handeln pragmatisch, weil ihnen niemand eine Alternative anbietet. Deutschland kennt das Dilemma nur zu gut. Seit dem Bruch mit Moskau hängt auch hierzulande die Versorgung stark an teurem Flüssiggas. Wer Energiesicherheit predigt, sollte sie auch liefern können.
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