
Gewerkschaften mobilisieren zum Straßenkampf: Der 8-Stunden-Tag als heilige Kuh der Arbeiterbewegung
Die deutsche Gewerkschaftslandschaft läuft Sturm gegen die Reformpläne der Bundesregierung. Unter dem kämpferischen Motto „Mit Macht für die 8!" kündigen die Arbeitnehmervertreter Protestaktionen an, die das Land in Atem halten könnten. Was steckt hinter diesem erbitterten Widerstand gegen mehr Flexibilität am Arbeitsplatz?
Die Regierung wagt den Tabubruch
Die Große Koalition unter Kanzler Friedrich Merz plant nichts Geringeres als eine grundlegende Reform des deutschen Arbeitszeitgesetzes. Das Wirtschaftsministerium hat in seiner nationalen Tourismusstrategie die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit aufgeführt. Der Gedanke dahinter klingt zunächst vernünftig: Arbeitnehmer könnten länger am Stück arbeiten und anschließend zusammenhängend freihaben. Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei das Ziel, so die Argumentation der Regierung.
Doch was für viele Beschäftigte nach einer willkommenen Flexibilisierung klingen mag, ruft bei den Gewerkschaften blankes Entsetzen hervor. Der Verdi-Bundesvorsitzende Frank Werneke warnt „eindringlich vor den negativen Folgen" und sieht in den Plänen einen „Freibrief" für Arbeitgeber, aus überlasteten Arbeitnehmern „das Letzte rauszuholen".
Gewerkschaftsbosse schießen aus allen Rohren
Die Reaktionen der Gewerkschaftsführer fallen bemerkenswert einheitlich und scharf aus. IG-Metall-Chefin Christiane Benner macht unmissverständlich klar, dass Demonstrationen und Straßenaktionen für ihre Organisation „immer eine Möglichkeit" seien. Michael Vassiliadis von der IG BCE bezeichnet den Vorstoß als „überflüssig wie ein Kropf" und behauptet, 77 Prozent der Industriebeschäftigten lehnten die Pläne ab.
„Das bestehende Arbeitszeitgesetz funktioniert. Wer daran rüttelt, riskiert Chaos statt Fortschritt."
So formuliert es Robert Feiger, Bundeschef der IG BAU. Der 8-Stunden-Tag sei ein „Grundpfeiler sozialer Gerechtigkeit" und keineswegs ein Relikt vergangener Zeiten.
Die Kehrseite der Medaille
Was die Gewerkschaften in ihrer Empörung geflissentlich übersehen: Das starre Korsett des 8-Stunden-Tages stammt aus einer Zeit, als Fließbandarbeit und Fabrikhallen das Arbeitsleben dominierten. Die moderne Arbeitswelt mit Homeoffice, projektbasierter Arbeit und internationaler Vernetzung verlangt nach anderen Lösungen. Dass ausgerechnet jene Organisationen, die sich gerne als Vorkämpfer des Fortschritts inszenieren, nun an Regelungen aus dem vergangenen Jahrhundert festhalten wollen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Wem nützt der Widerstand wirklich?
Die Gewerkschaften argumentieren, eine Aufweichung bringe vor allem Nachteile für Beschäftigte ohne Tarifbindung. NGG-Chef Guido Zeitler verweist auf die hohe Niedriglohnquote im Gastgewerbe und fordert bessere Arbeitsbedingungen statt längerer Arbeitstage. Doch ist es nicht gerade die mangelnde Flexibilität, die viele Betriebe daran hindert, attraktivere Arbeitsmodelle anzubieten?
Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer schwierigen Lage. Fachkräftemangel, internationale Konkurrenz und bürokratische Hürden belasten die Unternehmen. Dass die Gewerkschaften ausgerechnet jetzt mit Straßenprotesten drohen, anstatt konstruktiv an Lösungen mitzuarbeiten, zeigt einmal mehr, wie weit sich manche Funktionäre von der Lebensrealität der arbeitenden Bevölkerung entfernt haben. Viele Arbeitnehmer würden die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit flexibler zu gestalten, durchaus begrüßen – wenn man sie denn ließe.












