
100 Milliarden für Kiew: Was die Ukraine-Hilfe wirklich kostet

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bittet Europa für das kommende Jahr um mindestens 70 Milliarden Euro zusätzlich. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will die deutsche Unterstützung aufstocken und verweist auf die Summe, die Deutschland nach Angaben der Bundesregierung seit 2022 schon gezahlt habe: rund 100 Milliarden Euro. Doch wie belastbar ist diese Zahl? Und wie sieht sie im Vergleich mit früheren Krisen aus? Beide Antworten passen nicht so recht zur offiziellen Darstellung.
Bürgergeld in der Kriegsbilanz
In der Regierungszahl stecken mehr als Waffen und Finanzhilfen für Kiew. Mitgerechnet sind auch Zusagen für die kommenden Jahre und Leistungen für ukrainische Geflüchtete in Deutschland. Allein auf das Bürgergeld entfallen 27,45 Milliarden Euro.
Das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) zieht diese und weitere Posten ab. Übrig bleiben rund 41,7 Milliarden Euro, die tatsächlich als bilaterale Hilfe in die Ukraine flossen. Das ist nicht einmal die Hälfte der offiziellen Zahl. Wie belastbar die 100 Milliarden der Regierung sind, prüft derzeit der Bundesrechnungshof.
Golfkrieg 1990/91: Damals zahlte Bonn mehr pro Jahr
Am nächsten liegt der Vergleich mit dem Golfkrieg. Deutschland kämpfte damals nicht mit, finanzierte die Befreiung Kuwaits aber kräftig mit. Das IfW beziffert den deutschen Beitrag auf etwas mehr als ein halbes Prozent der damaligen Wirtschaftsleistung. Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesfinanzministerium kommt auf rund 0,5 Prozent. Der Krieg dauerte nur wenige Monate.
Für die Ukraine hat Deutschland seit 2022 laut IfW bilaterale Hilfe im Wert von 0,86 Prozent des BIP von 2021 bereitgestellt. Insgesamt ist das mehr als für Kuwait. Pro Jahr liegt der Aufwand aber deutlich darunter. 2025 waren es etwa 0,26 Prozent, also rund die Hälfte des Kuwait-Beitrags. Von Januar bis August 2026 kamen 0,15 Prozent dazu.
Rechnet man den deutschen Anteil an den EU-Hilfen hinzu, steigt der Wert auf 1,49 Prozent. Dieser Anteil wird aber nur rechnerisch zugeordnet, Deutschland zahlt ihn nicht direkt an Kiew. Ein Großteil der EU-Hilfe besteht zudem aus Krediten.
Eurokrise und Corona: Brüssel kann auch größer
Die EU-Staaten haben der Ukraine bis Juni 2025 laut Bundeszentrale für politische Bildung rund 141 Milliarden Euro zugewiesen. Für angeschlagene Mitgliedstaaten mobilisierte Europa in der Eurokrise 2010 bis 2012 mehr als das Doppelte. Bei den grenzüberschreitenden Corona-Hilfen war es sogar mehr als das Fünffache. Auch damals haftete der deutsche Steuerzahler für einen großen Teil.
Absolut an der Spitze, relativ im Mittelfeld
Seit die USA ihre Hilfe unter Präsident Donald Trump weitgehend eingestellt haben, gibt kein Land der Ukraine mehr Geld als Deutschland. Das galt 2025 und auch für die ersten acht Monate des laufenden Jahres. Nur die EU-Institutionen zusammen liegen laut IfW vorn, vor allem mit Krediten.
Gemessen an der Wirtschaftskraft sieht das Bild anders aus:
- Baltische Staaten: 2,63 Prozent des BIP
- Skandinavische Länder: 2,48 Prozent
- Polen: 1,02 Prozent
- Deutschland und Großbritannien: je 0,86 Prozent
- Frankreich: 0,32 Prozent
- Italien: 0,24 Prozent
Auffällig ist der Abstand zu Paris und Rom. Wer in Europa gern den Ton angibt, trägt gemessen an seiner Wirtschaftskraft offenbar deutlich weniger Last.
Beirat will Klarheit, Regierung hält sich bedeckt
„Auch im historischen Vergleich ist die deutsche Ukraine-Hilfe vergleichsweise gering“
So urteilt der Beirat beim Finanzministerium. Er empfiehlt, die Hilfe mehrjährig, transparent und sichtbar in der mittelfristigen Finanzplanung zu verankern. Summen, Kosten und Kategorien solle die Regierung an einer zentralen Stelle nachvollziehbar darstellen. Erhöhe Deutschland deutlich, solle es auf eine breitere Lastenteilung unter den großen europäischen Partnern dringen.
Die Bundesregierung habe die Stellungnahme „zur Kenntnis genommen“, erklärte ein Sprecher. Ob sie die Empfehlungen umsetzt, blieb offen. Seit Mai 2025 veröffentlicht Berlin Einzelheiten der Hilfe nicht mehr in der bisherigen Form. Regierungssprecher Stefan Kornelius sprach damals von einer „strategischen Ambiguität“, die der Ukraine helfe: Der Kriegsgegner solle die Details nicht erfahren.
Wer zahlt, will die Zahlen sehen
Militärische Geheimhaltung lässt sich begründen. Die Bürger müssen trotzdem wissen, was sie zahlen. Das gilt umso mehr, weil die Regierung mit dem 500-Milliarden-Sondervermögen ohnehin neue Schulden in historischer Höhe aufnimmt. Die AfD als größte Oppositionspartei will die Hilfe beenden, der Kanzler will sie ausbauen. Für diesen Streit braucht es ehrliche Zahlen und keine Summen, in denen Bürgergeld als Kriegshilfe gezählt wird.

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