
36 Jahre Einheit: Der Osten tritt wirtschaftlich auf der Stelle!

Ausgerechnet zum Tag der Deutschen Einheit kommt eine ernüchternde Bilanz. Einer bislang unveröffentlichten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge erreichten die fünf ostdeutschen Flächenländer 2025 nur knapp 79 Prozent des westdeutschen Niveaus. Im Jahr davor waren es gut 78 Prozent. Laut Medienberichten verharrt der Osten damit seit rund fünf Jahren bei knapp 80 Prozent.
Ein Index, der mehr misst als das BIP
Grundlage ist der IW-Einheitsindex, der die Angleichung seit 1990 nachzeichnet. Mit dem Bruttoinlandsprodukt ist er nicht gleichzusetzen. Neben der Wirtschaftsleistung je Einwohner gehen Produktivität, Kapitalstock, Erwerbsbeteiligung, Arbeitslosen- und Selbstständigenquote sowie das Personal in Forschung und Entwicklung ein.
Ein Prozentpunkt mehr in einem Jahr also. Nach Jahrzehnten mit Solidarpakten, Fördermilliarden und Solidaritätszuschlag drängt sich die Frage auf: Ist das schon alles?
Weniger Erwerbstätige, kaum neue Investitionen
Am deutlichsten zeigt sich die Schwäche bei der Erwerbsbeteiligung. Gemessen an der Gesamtbevölkerung lag der Osten 2010 noch bei knapp 89 Prozent des Westwerts. 2025 waren es nur noch gut 85 Prozent. Es geht also rückwärts.
Dahinter steht die Demografie. Im Osten leben überdurchschnittlich viele ältere Menschen, junge Arbeitskräfte rücken zu wenige nach. Eine IW-Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass die Flächenländer bis 2045 mehr als ein Fünftel ihrer 15- bis 66-Jährigen verlieren könnten, wenn keine Zuwanderung hinzukommt.
Auch beim Kapitalstock, also dem Wert von Maschinen, Fabriken, Gebäuden und Straßen je Einwohner, hat sich in 15 Jahren wenig bewegt. 2010 lag er bei knapp 77 Prozent, 2025 bei gut 79 Prozent. Das ifo Institut kommt zu einem ähnlichen Befund: Es sieht geringe private Investitionen, fehlende Fachkräfte und eine schwächere Innovationskraft als zentrale Risiken.
Forschung: Der Osten erreicht nicht einmal die Hälfte
Am größten ist die Lücke bei Forschung und Entwicklung. Hier kommt der Osten auf gut 46 Prozent des Westniveaus. Ein Grund: Es gibt kaum große Konzernzentralen mit eigenen Forschungsabteilungen. Viele Betriebe sind klein und haben wenig Kapital für eigene Entwicklung.
GrĂĽnheide und Dresden: Erfolge mit Licht und Schatten
Es gibt durchaus Erfolge. Dazu zählen das Tesla-Werk im brandenburgischen Grünheide, der Halbleiter-Standort Dresden und der Ausbau der erneuerbaren Energien. Auch Leipzig, Jena und das Berliner Umland wachsen schneller als viele ländliche Regionen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung verweist deshalb auf ein wachsendes Gefälle zwischen Stadt und Land, das den Ost-West-Vergleich zunehmend überlagere.
Kurzfristig wirkt die Lage freundlicher. Im September 2026 hatte sich das Geschäftsklima ostdeutscher Firmen aufgehellt. Umfragen messen allerdings die Stimmung, der Einheitsindex dagegen die Struktur. Und an der Struktur hat sich wenig geändert.
Rente mit 63 als Bremsklotz?
Das IW wertet eine geringe Offenheit für Zuwanderung als wirtschaftliches Risiko. Der Anteil ausländischer Beschäftigter liegt im Osten weiterhin unter dem Westniveau. Nach den jüngsten Wahlergebnissen sei diese Offenheit fraglich, heißt es Berichten zufolge in der Studie. Für Kritiker der bisherigen Migrationspolitik zeigt sich hier ein Zielkonflikt: Gebraucht werden gezielt qualifizierte Fachkräfte, keine ungesteuerte Zuwanderung in die Sozialsysteme.
Auffällig ist ein zweiter Punkt. Das IW kritisiert indirekt die Ministerpräsidenten im Osten, die an der Rente mit 63 festhalten wollen. Wegen der Altersstruktur sei gerade der Osten darauf angewiesen, erfahrene Beschäftigte länger im Job zu halten. Wer seine Fachkräfte früh in den Ruhestand schickt, verschärft die Lücke also selbst.
Unser Fazit: Ohne Leistungsanreize bleibt der Osten stehen
Eine abschließende Bewertung ist erst möglich, wenn das IW die vollständige Studie mit Tabellen und genauen Indexwerten vorlegt. Klar ist aber schon jetzt: Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ist der Abstand zum Westen groß, und die Angleichung kommt kaum noch voran.
Aus Sicht unserer Redaktion hilft hier keine weitere Subventionsrunde, und neue Schulden aus Sondervermögen ebenso wenig. Gebraucht werden private Investitionen, weniger Bürokratie und Anreize, die Arbeit und Leistung belohnen statt einen frühen Ruhestand.

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