
Atommüll-Desaster: 1.700 Castorbehälter stehen jahrzehntelang schutzlos unter freiem Himmel
Während die Welt in Flammen steht und bewaffnete Konflikte von der Ukraine bis zum Nahen Osten eskalieren, lagern in Deutschland 1.700 Castorbehälter mit hochradioaktivem Abfall in oberirdischen Hallen – jeder einzelne davon mit einem Freisetzungspotenzial, das dem der Tschernobyl-Katastrophe entspricht. Und die Bundesregierung? Sie bastelt an Gesetzentwürfen, die das Problem bestenfalls bis zum Jahr 2050 lösen sollen. Bestenfalls.
Ein Experte schlägt Alarm
Wolfram König, der frühere Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), hat den aktuellen Planungen des Bundesumweltministeriums ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Die vorläufigen Entwürfe zur Beschleunigung der Endlagersuche seien der veränderten Bedrohungslage schlicht nicht gewachsen, so König gegenüber der „Welt am Sonntag". Man lebe seit dem Neustart der Endlagersuche vor über zehn Jahren in einer völlig anderen Realität. Bewaffnete Konflikte nähmen weltweit zu – und Deutschland lasse seinen strahlenden Müll seelenruhig in oberirdischen Lagerhallen stehen.
Es sei „unverständlich", dass die Arbeitsebenen des Ministeriums bei ihren Beschleunigungsplänen ausgerechnet jene zeitraubenden Verfahrensregeln des Standortsuchgesetzes unangetastet ließen, die nicht im Kern dem Sicherheitsgewinn dienten. Ein bürokratisches Meisterwerk, könnte man sagen – typisch deutsch.
Von 2031 auf 2074 – und jetzt vielleicht 2050?
Die Geschichte der deutschen Endlagersuche liest sich wie ein Lehrstück über politisches Versagen. Das ursprünglich im Standortauswahlgesetz genannte Zieldatum 2031 ist längst Makulatur. Nach übereinstimmender Einschätzung der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) und des Aufsicht führenden Bundesamtes BASE würde sich allein die Standortwahl auf der bestehenden Rechtsgrundlage bis mindestens 2074 hinziehen. Ein halbes Jahrhundert, in dem strahlender Müll oberirdisch vor sich hin strahlt.
Das von SPD-Minister Carsten Schneider geführte Bundesumweltministerium arbeitet nun an einer Novelle des Standortauswahlgesetzes, die eine Standort-Entscheidung bis 2050 ermöglichen soll. Doch selbst diese Zeitmarke steht auf wackligen Beinen. Es handele sich um einen „frühen Entwurf auf Arbeitsebene", heißt es aus dem Ministerium. Die Einbindung und Billigung der Hausleitung liege noch nicht vor. Mit anderen Worten: Der Minister hat den Entwurf noch nicht einmal abgesegnet, während Details bereits an die Medien durchgesickert sind.
Leere Versprechen ohne belastbare Planung
König kritisiert scharf, dass das politisch kommunizierte Zieldatum 2050 im Gesetzentwurf selbst gar nicht enthalten sei. Wie dieses Ziel erreicht werden solle, bleibe völlig im Dunkeln. Eine belastbare Projektplanung, die alle gesetzlich geforderten Schritte einbeziehe, existiere schlichtweg nicht. Der ehemalige Atomaufsicht-Chef warnt eindringlich: Es wäre für die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz einer sicheren Endlagerung „verheerend", wenn die Öffentlichkeit ein weiteres Mal mit unhaltbaren zeitlichen Versprechen konfrontiert würde.
Doch genau das scheint zu geschehen. Wieder einmal werden Jahreszahlen in den Raum geworfen, ohne dass ein konkreter Plan dahintersteht. Man kennt dieses Muster aus der deutschen Politik nur zu gut – ob bei der Digitalisierung, der Infrastruktur oder eben der nuklearen Entsorgung. Große Ankündigungen, minimale Umsetzung.
Die tickende Zeitbombe vor unserer Haustür
Was König besonders umtreibt, ist die Frage der Sicherheit. In einer Welt, in der Drohnenangriffe, hybride Kriegsführung und terroristische Bedrohungen zur neuen Normalität geworden sind, stellen oberirdisch gelagerte Castorbehälter ein Risiko dar, das man nicht länger ignorieren dürfe. Der Nuklear-Experte fordert deshalb eine grundlegende Neuausrichtung: Man müsse zunächst festlegen, wie lange man das höhere Risiko einer oberirdischen Zwischenlagerung noch tragen könne, und ausgehend von diesem Zieldatum das gesamte Suchverfahren anpassen.
Dabei gebe es durchaus Möglichkeiten, den Prozess zu beschleunigen, ohne Sicherheitsstandards zu opfern. Bereits heute verfüge man über ausreichend Informationen, um weniger geeignete Ausformungen von Wirtsgesteinen – und damit große Regionen – aus dem weiteren Suchprozess auszuschließen. Statt also das gesamte Bundesgebiet akribisch zu durchkämmen, könnte man sich auf die vielversprechendsten Standorte konzentrieren.
Ein Erbe der ideologischen Energiepolitik
Man darf nicht vergessen, wie Deutschland in diese Lage geraten ist. Der überstürzte Atomausstieg nach Fukushima 2011, vorangetrieben von einer schwarz-gelben Koalition unter dem Druck grüner Ideologie, hat das Land in eine energiepolitische Sackgasse manövriert. Am 15. April 2023 wurden die letzten drei deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet – darunter Neckarwestheim 2. Was bleibt, ist der strahlende Müll. Und die Frage, wohin damit, wird von Legislaturperiode zu Legislaturperiode weitergeschoben wie eine heiße Kartoffel. Nur dass diese Kartoffel radioaktiv strahlt.
Die neue Große Koalition unter Kanzler Friedrich Merz hätte die Chance, dieses Thema endlich mit der gebotenen Ernsthaftigkeit anzugehen. Doch statt klarer Entscheidungen und verbindlicher Zeitpläne produziert der Regierungsapparat einmal mehr Referentenentwürfe ohne ministerielle Billigung und Zieldaten ohne Substanz. Der deutsche Bürger darf sich fragen, ob seine Sicherheit in den Händen dieser Regierung wirklich gut aufgehoben ist – oder ob hier wieder einmal politisches Kalkül über den Schutz der Bevölkerung gestellt wird.
Wolfram König, der von 1999 bis 2024 in verschiedenen Funktionen die nukleare Sicherheit in Deutschland beaufsichtigte, hat mit seiner Kritik einen wunden Punkt getroffen. Die Frage ist nur, ob die Politik diesmal zuhört – oder ob wir in zwanzig Jahren erneut feststellen müssen, dass wieder ein Jahrzehnt verloren gegangen ist.

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