
Aus nach 115 Jahren? Dresden kämpft um sein Impfstoffwerk!

Der britische Pharmakonzern GSK, früher GlaxoSmithKline, will sein traditionsreiches Serumwerk in Dresden bis zum Sommer 2028 schließen. 641 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Die Grippeimpfstoffe sollen künftig in Kanada hergestellt werden. In Sachsen wächst nun der Widerstand: Landesregierung, Gewerkschaft und Belegschaft wollen die Schließung gemeinsam verhindern.
Protestmarsch zum Neumarkt
Am Donnerstag zogen Medienberichten zufolge rund 400 Menschen vom Werk an der Zirkusstraße zum Dresdner Neumarkt. Zur Kundgebung hatten der Betriebsrat und die Industriegewerkschaft IG BCE aufgerufen. Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) war da und stellte sich hinter die Beschäftigten.
„Das Serumwerk Dresden wird gebraucht. Auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.“
Laut Berichten verwies Kretschmer darauf, dass Deutschland jeden Monat 15.000 Industriearbeitsplätze verliere. Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) verhandle in London mit der Konzernspitze. Gleichzeitig suche das Land einen Investor. Ob GSK darauf eingeht, ist offen.
Die Nachricht kam ohne Vorwarnung
Die Beschäftigten erfuhren am 10. September auf einer Betriebsversammlung vom geplanten Aus. Auch die Staatsregierung wurde nach eigenen Angaben überrascht. Betriebsratschef Peter Mißbach sagte damals, die Nachricht treffe die Belegschaft „bis ins Mark“. Man sei getroffen, aber nicht gebrochen.
Die IG BCE kritisiert das Vorgehen des Konzerns scharf. Ihre Landesbezirksleiterin Nordost, Stephanie Albrecht-Suliak, sprach von „Wildwestmethoden“. GSK sei an den Flächentarifvertrag der Chemieindustrie gebunden, und das mache das Vorgehen aus ihrer Sicht noch empörender. Das wiegt schwer: Das Werk gehört zu den größten Arbeitgebern im Raum Dresden und zahlt Tariflöhne. In Ostdeutschland ist die Industrie meist kleinteilig, und Tarifbindung ist dort eher selten.
Die Begründung des Konzerns
GSK begründet die Schließung mit der weltweit sinkenden Nachfrage nach klassischen Grippeimpfstoffen, bei denen die Viren in Hühnereiern vermehrt werden. Sowohl in Dresden als auch im kanadischen Ste-Foy gebe es zu viel Kapazität. Deshalb soll die Produktion in Kanada gebündelt werden. In Dresden soll sie 2027 enden. Danach will GSK die Anlagen bis zum Sommer 2028 abbauen.
Gleichzeitig entwickelt der Konzern laut Berichten einen mRNA-Impfstoff gegen Grippe, der sich in der letzten Phase der klinischen Prüfung befindet. Interessant ist auch eine andere Zahl: Nach früheren GSK-Angaben verbrauchte die Grippeimpfstoff-Produktion in Dresden mehr als 45.000 Megawattstunden im Jahr. Das entsprach Energiekosten von rund 5,4 Millionen Euro. Bei den hohen deutschen Strompreisen dürften Beobachter diese Zahl genau im Blick haben.
Der Pharmastandort Deutschland verliert weiter
Dresden ist kein Einzelfall. BioNTech schließt seine Werke in Tübingen, Marburg und Idar-Oberstein mit rund 1.800 Stellen. Bis Ende September fand das Unternehmen keinen Käufer. Boehringer Ingelheim hat Berichten zufolge Investitionen von 900 Millionen Euro auf Eis gelegt und verweist dabei auf den steigenden Zwangsrabatt für patentgeschützte Arzneimittel.
Nach der Corona-Pandemie hatten Politiker in Berlin und Brüssel versprochen, die Arzneimittelproduktion nach Europa zurückzuholen. Jetzt passiert das Gegenteil. Wer bei Impfstoffen gegen Grippe und Hepatitis vom Ausland abhängig wird, ist in der nächsten Krise verwundbar. Kritiker sehen darin eine Folge hoher Energiepreise, starker Regulierung und einer Gesundheitspolitik, die Hersteller eher belastet als hält.
Ein Werk mit langer Geschichte
Am 17. Oktober wird das Werk 115 Jahre alt. Gegründet hat es 1911 der Odol-Fabrikant Karl August Lingner als Sächsisches Serumwerk. Es überstand die Bombenangriffe, Hochwasser und die Umbrüche nach der Wende. Nach früheren Konzernangaben verließen das Werk bis zu zwei Millionen Impfdosen pro Woche, ausgeliefert in rund 70 Länder.
Von der Schließung sind auch 16 Auszubildende betroffen. Einige von ihnen können ihre Ausbildung nicht mehr bei GSK abschließen. Die Belegschaft fordert Zeit für die Suche nach einem Investor und will bis dahin verhindern, dass Anlagen verkauft werden. Ob das gelingt, entscheidet sich nicht in Dresden, sondern in London. Für die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung ist der Fall ein weiteres Warnsignal.

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