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09.10.2026
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Chemie-Poker um Evonik: Kann BASF mit Größe die Krise besiegen?

Chemie-Poker um Evonik: Kann BASF mit Größe die Krise besiegen?
Symbolbild: KI-generiert

BASF will Evonik schlucken, und es wäre der teuerste Zukauf in der Firmengeschichte. Rund 10,3 Milliarden Euro hat der Ludwigshafener Konzern Medienberichten zufolge geboten, das wären etwa 22,15 Euro je Aktie. Die Essener haben abgelehnt, weil ihnen der Preis zu niedrig sei. Erledigt ist die Sache damit aber nicht. Hinter den Kulissen hat der Machtkampf gerade erst angefangen.

Abfuhr aus Essen, Entschlossenheit in Ludwigshafen

BASF hat offiziell bestätigt, mit Evonik und dessen Großaktionär, der RAG-Stiftung, sondiert zu haben. Wie es weitergehe, sei offen. Konzernchef Markus Kamieth denkt aber offenbar nicht ans Aufgeben. Bei einer Podiumsdiskussion warb er Berichten zufolge offen für das Projekt:

„Eine Kombination von BASF und einem anderen starken Spieler aus der Spezialchemie ergibt sehr viel Sinn.“

Industriell klingt das logisch. BASF ist stark in der Grundchemie, Evonik in der deutlich margenstärkeren Spezialchemie. Zusammen kämen beide auf mehr als 70 Milliarden Euro Umsatz. Analysten halten Einsparungen von 700 Millionen bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr für möglich. Zum Vergleich: Der bisher größte BASF-Zukauf waren 2018 Teile des Bayer-Agrargeschäfts für rund 7,6 Milliarden Euro.

Die Stiftung hat das letzte Wort

Den Schlüssel hält aber nicht der Evonik-Vorstand in der Hand, sondern die RAG-Stiftung. Ihr gehören rund 44 Prozent der Aktien. Am Freitag tagte ihr Kuratorium, in dem Politiker, Gewerkschafter und Wirtschaftsvertreter sitzen, zu einer Sondersitzung. Was dort besprochen wurde, bleibt vertraulich.

Ungünstiger könnte der Zeitpunkt kaum sein. Evonik-Chef Christian Kullmann fällt nach einer schweren Operation aus, seit dem 1. September führt Asienchef Claus Rettig das Unternehmen kommissarisch. BASF bestreitet, diese Lage für einen Überraschungscoup ausnutzen zu wollen.

Die SPD ruft nach dem Staat

In Düsseldorf ist schnell die Politik eingestiegen. Die oppositionelle NRW-SPD schlägt laut einem Antrag vor, dass das Land selbst bei Evonik einsteigt, damit Stiftung und Land gemeinsam auf „50 Prozent plus X“ kämen. Fraktionschef Jochen Ott spricht von einer „Lebensader des Ruhrgebiets“. Medienberichten zufolge könnten bis zu 4.000 Stellen im Revier wegfallen. Evonik beschäftigt in NRW rund 11.000 Menschen.

Die Sorge um die Jobs ist berechtigt. Der Ruf nach dem Staat als Großaktionär wirkt allerdings wie ein Reflex aus dem vergangenen Jahrhundert. Kritiker fragen, warum ausgerechnet Landesbeamte einen Weltmarktkonzern besser führen sollten. Auch die Gewerkschaft IGBCE meldet „offene und kritische Fragen“ an.

Das eigentliche Problem löst keine Fusion

Am wichtigsten ist aber eine unbequeme Wahrheit: Eine Fusion macht Strom und Gas keinen Cent billiger. Nach VCI-Angaben waren die Anlagen der deutschen Chemie im ersten Quartal 2026 nur zu 75,1 Prozent ausgelastet. Der Verband selbst nennt das unrentabel. In Europa wurden seit 2022 laut dem Branchenverband Cefic rund 37 Millionen Tonnen Kapazität stillgelegt oder zur Schließung angekündigt. Das sind etwa neun Prozent der gesamten Kapazität und rund 20.000 direkte Arbeitsplätze.

BASF hat seit Anfang 2024 bereits rund 7.000 Stellen abgebaut. Das Lackgeschäft ging für rund 5,8 Milliarden Euro an Carlyle, die Agrarsparte soll bis Mitte 2027 an die Börse. Kamieth baut den Konzern also radikal um. Die Rahmenbedingungen in Deutschland kann er damit aber nicht ändern. Dafür wäre die Politik zuständig, und die streitet lieber über Staatsbeteiligungen als über Energiepreise, Bürokratie und Standortkosten.

Ausgang offen

Ob der Mega-Deal zustande kommt, ist völlig offen. Entscheiden werden darüber der Preis, die Kartellwächter, die Arbeitnehmerseite und die RAG-Stiftung. Eines zeigt der Poker aber schon jetzt: Deutschlands Chemie kämpft ums Überleben, und Größe allein ist noch keine Strategie gegen hohe Kosten am Standort.

Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Jeder Leser muss selbst recherchieren und ist für seine Anlageentscheidungen allein verantwortlich.

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