
Luftbrücke nach Ungarn: BMW fliegt deutsche Fachkräfte ins E-Werk ein

Seit Monaten pendeln Beschäftigte aus deutschen BMW-Werken mehrmals pro Woche ins ungarische Debrecen und wieder zurück. Das berichten Konzerninsider einem Medienbericht zufolge. Im neuen Vorzeigewerk des Münchner Autobauers für die Elektro-Generation „Neue Klasse“ geht es offenbar nicht ohne Unterstützung aus der Heimat.
Flug LH 1600: Mit dem Firmenausweis nach Osten
Am vergangenen Montag startete Lufthansa-Flug 1600 mit mehr als einer Stunde Verspätung in München Richtung Debrecen. Unter den Passagieren waren BMW-Mitarbeiter. Für viele von ihnen gehört die Strecke inzwischen zum Arbeitsalltag.
Ein Arbeitnehmervertreter wird mit den Worten zitiert:
„Unsere Leute aus München, anderen bayerischen Werken und Leipzig fliegen dorthin.“
Laut den Berichten unterstützen sie die Belegschaft vor Ort bei der Produktion des Elektro-SUV iX3. Ein Pendelverkehr also. Er zeigt ziemlich deutlich, wo das eigentliche Fertigungswissen des Konzerns sitzt: in Deutschland.
Produktionshochlauf im Rekordtempo
Debrecen ist ein Prestigeprojekt. Laut früheren Konzernangaben sollten bis Ende 2025 mehr als zwei Milliarden Euro in den Standort fließen, inklusive einer eigenen Montage für Hochvoltbatterien. Die Rundzellen dafür kommen aus einem benachbarten Werk des chinesischen Batterieriesen CATL.
Die Produktion lief im Oktober 2025 an. Danach ging es schnell: Anfang 2026 kam die zweite Schicht dazu, und im Juli lief nach Unternehmensangaben der 50.000. iX3 vom Band. Seit September wird rund um die Uhr in drei Schichten gearbeitet. Allein in Europa sollen 100.000 Bestellungen für das Modell vorliegen. Noch in diesem Herbst soll in Ungarn außerdem ein zweites Modell der Neuen Klasse in Produktion gehen.
Werkschef Hans-Peter Kemser bezeichnete das als den schnellsten Hochlauf, den ein neues BMW-Werk je erlebt habe. Ein solches Tempo sei aber nur möglich, wenn die Belegschaft genauso schnell wachse wie die Stückzahlen. Genau da liegt offenbar das Problem.
Günstiger Standort, knappe Arbeitskräfte
Ungarn hat westliche Autobauer jahrelang mit niedrigen Löhnen, Steuervorteilen und einer industriefreundlichen Politik angelockt. Die deutsche Autoindustrie investierte dort Milliarden. Schon 2021 wurde allerdings berichtet, dass sich die Konkurrenz um günstige Arbeitskräfte in Ungarn verschärfe. BMW könne allein für Debrecen bis zu 5000 Beschäftigte brauchen.
Heute müssen also erfahrene Facharbeiter aus Bayern und Sachsen einspringen, damit das Werk die Stückzahlen schafft. Die eingesparten Lohnkosten in Ungarn werden damit zum Teil wieder aufgezehrt: durch Flüge, Hotels und Arbeitszeit, die in den deutschen Werken fehlt.
Politische Unsicherheit kommt hinzu
Auch politisch tut sich in Ungarn einiges. Nach dem Machtwechsel in Budapest hat die EU Berichten zufolge 4,2 Milliarden Euro freigegeben, die zuvor wegen Bedenken zur Rechtsstaatlichkeit zurückgehalten worden waren. Gleichzeitig steht BMW unter Druck, weil das Geschäft in China schwächelt. Im dritten Quartal sank der weltweite Absatz des Konzerns Medienberichten zufolge vor allem wegen der Schwäche in China.
Was das über den Standort Deutschland sagt
Aus Sicht unserer Redaktion ist der Pendelverkehr nach Debrecen auch ein Lob für den deutschen Facharbeiter. Die Neue Klasse wurde zu großen Teilen hierzulande entwickelt und erprobt. Für den Hochlauf im Ausland verlässt sich der Konzern auf Menschen aus München und Leipzig.
Warum entstehen die neuen Fabriken dann zunehmend jenseits der Grenze? Hohe Energiepreise, viel Bürokratie und hohe Abgaben machen den Standort Deutschland aus Sicht vieler Kritiker unattraktiv. Daran hat auch die Regierung Merz bislang wenig geändert. Ein Land, das sein bestes Know-how per Flugzeug exportieren muss, sollte sich fragen, warum die Werke nicht mehr bei ihm gebaut werden.
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