
Moped gegen Stützräder: Harald Schmidt nimmt Berlin auseinander

Er war lange still – jetzt redet er wieder. Bei seinem ersten Live-Auftritt für „Deutschlandfunk Kultur“ hat Harald Schmidt die Aufregung über den Wahlausgang in Sachsen-Anhalt mit spitzer Zunge zerlegt. Sein Rat an alle Empörten: „Wem die Wahlergebnisse nicht passen: Wahlen abschaffen oder vorher festlegen“.
Im Podcast „Studio 9 – Der Tag mit…“ legte der 69jährige nach. „Es sind eben Wahlen und dann gibt es Ergebnisse“, spottete er. Eine Binsenweisheit? Vielleicht. Aber eine, die in diesen Tagen offenbar erklärt werden muss.
43,8 Prozent – und die Hauptstadt im Schockzustand
Der Hintergrund ist ein politisches Erdbeben. Bei der Landtagswahl am 6. September 2026 wurde die AfD mit 43,8 Prozent der Zweitstimmen mit Abstand stärkste Kraft, verfehlte die absolute Mehrheit der Sitze aber knapp. Es ist laut offiziellen Zahlen das beste Resultat, das eine Partei in Sachsen-Anhalt seit der Gründung des Landes 1990 erzielt hat.
Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze stürzte auf 17,2 Prozent – ein historisches Tief nach 37,1 Prozent im Jahr 2021. Die FDP flog aus dem Landtag, das BSW zog mit 5,3 Prozent ein. Die Wahlbeteiligung kletterte auf Rekordniveau: 77,8 Prozent. Von Politikverdrossenheit kann also keine Rede sein.
„Was soll ‚gelebte‘ sein?“
Schmidt nahm besonders die Sprache der Empörungsbranche ins Visier. Der Begriff „gelebte Demokratie“ störe ihn, sagte er. „Es ist Demokratie. Was soll ‚gelebte‘ sein?“ Und weiter, rhetorisch: „Gibt es auch ‚ungesichert rechtsextrem‘? Ist das ein Adjektiv?“
Eine Anspielung, die sitzt: Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt wird vom dortigen Verfassungsschutz seit 2023 als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft. Schmidt zeigt, wie Behördensprache im Alltag klingt – nämlich schräg.
„Ich würde mir gerne Sorgen machen, aber ich mache mir keine.“
Er bitte alle Besorgten um Entschuldigung, so der Satiriker; sollte Besorgnis gewünscht sein, werde er daran arbeiten. Er sei ein stoischer Mensch und halte es mit Karl Valentin: „Wenn es regnet, freue ich mich, weil, wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“
Das Bild, das alles sagt
Am härtesten traf es die Berliner Inszenierungsmaschine. Den Wahlkampf des AfD-Spitzenkandidaten lobte Schmidt ausdrücklich: „Ulrich Siegmund auf dem Moped – glaubhaft, egal wie Sie politisch zu ihm stehen.“ Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) auf dem Fahrrad wirke dagegen, „als ob der Medienberater gesagt hat: ‚Mach ihm für das Foto die Stützräder weg‘“.
Authentizität gegen Agenturkalkül – schärfer lässt sich das Dilemma der Volksparteien kaum zusammenfassen. Aus Sicht unserer Redaktion liegt genau hier ein Kern des Problems: Wer Wahlkampf als Fotoshooting begreift, verliert die Menschen, die morgens zur Arbeit fahren und abends die Rechnungen bezahlen.
Spitze gegen die eigene Generation
Auch sich selbst nahm Schmidt nicht aus. Ein noch stärkeres AfD-Ergebnis sei nur von Wählern seiner Altersgruppe verhindert worden, merkte er an – und appellierte: „Liebe traditionelle, zum Teil untergehende Altparteien, seid lieb zu uns – Generation 65 plus. Wir sind die Einzigen, die euch noch wählen.“ Man komme „mit den Gelenken gar nicht weiter runter auf dem Wahlzettel“, das Kreuz mache man oben. Pointe: „Also Finger weg von unseren Renten.“
Und Friedrich Merz? Der stecke in einer schwierigen Lage, alles werde ihm negativ ausgelegt: „Kommt er zu den Bränden, heißt es: Er steht nur rum. Kommt er nicht, heißt es: Er interessiert sich nicht.“ Mitleid klingt bei Schmidt trotzdem anders.
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