
Verdacht in Uetersen: War der rassistische Anschlag nur inszeniert?

Eingeschlagene Scheiben, ein Flugblatt mit Hassparole und eine Welle der Solidarität: Kurz vor der Bürgermeisterwahl im schleswig-holsteinischen Uetersen galt CDU-Kandidat Baris Karabacak als Opfer eines rassistischen Angriffs. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Itzehoe gegen ihn selbst. Sie geht dem Verdacht nach, der Lokalpolitiker könnte die Tat vorgetäuscht haben.
Razzia beim einstigen Opfer
Medienberichten zufolge wurde gegen den türkischstämmigen Christdemokraten ein Durchsuchungsbeschluss erlassen und auch vollstreckt. Die Ermittler sollen dabei ein elektronisches Gerät sichergestellt haben. Zuerst hatte die Bild-Zeitung darüber berichtet.
Für Karabacak gilt die Unschuldsvermutung. Ein Urteil gibt es nicht, nicht einmal eine Anklage. Trotzdem ist der Vorwurf brisant: Kommt ein Gericht zu dem Schluss, dass die Tat vorgetäuscht war, wäre das kein Kavaliersdelikt. Das Strafgesetzbuch bestraft das Vortäuschen einer Straftat nach Paragraf 145d mit Geldstrafe oder bis zu drei Jahren Haft.
Rückblick: Die Nacht vor der Wahl
Was war passiert? In der Nacht zum 23. September 2026 sollen Unbekannte die Scheiben von Karabacaks Auto eingeschlagen haben. Am Wagen fand sich laut Berichten ein Wahlkampfflyer des Kandidaten mit einer nachträglich ergänzten Parole: „Keine Türken – alle raus“. Die Polizei stufte den Vorfall als politisch motiviert ein und ermittelte wegen des Verdachts der Volksverhetzung.
Danach ging alles sehr schnell. Der NDR und weitere Medien griffen den Fall auf. CDU-Generalsekretär Lukas Kilian sicherte seinem Parteifreund damals volle Unterstützung zu und betonte, er sei stolz auf die Vielfalt in seiner Partei. Auch Amtsinhaber Dirk Woschei (SPD) stellte sich hinter seinen Herausforderer. Er sprach von einem „Angriff auf die demokratische Kultur der Stadt“.
Die Wähler blieben ungerührt
Am Wahltag nützte die Solidarität wenig. Woschei setzte sich am 28. September bereits im ersten Wahlgang mit 51,3 Prozent gegen zwei Herausforderer durch. Karabacak kam auf magere 10,7 Prozent. Mitleid bringt eben nicht automatisch Stimmen, wenn es denn überhaupt darauf angelegt war.
Plötzlich ist die Landes-CDU „fassungslos“
In Kiel hat sich die Stimmung inzwischen gedreht. Kilian reagierte gegenüber der Bild „fassungslos“ und fand deutliche Worte:
„Wer eine rassistische Straftat vortäuscht, missbraucht die Solidarität vieler Menschen und verhöhnt die Opfer echten Rassismus. Dafür gibt es in der CDU keinen Platz.“
Die Partei will nach eigenen Angaben handeln, falls sich die Vorwürfe bestätigen. Dann solle Karabacak zum Austritt aufgefordert werden. Komme er dem nicht nach, drohe ein Parteiausschlussverfahren.
Was der Fall über unsere Debattenkultur verrät
Ob in Uetersen tatsächlich etwas inszeniert wurde, müssen die Ermittler und am Ende womöglich ein Gericht klären. Unabhängig vom Ausgang zeigt der Fall aber ein Muster, das vielen Bürgern seit Jahren auffällt. Sobald eine Tat ins gängige Bild passt, stehen Empörung und Solidaritätsadressen fest, bevor die Polizei überhaupt die Spuren ausgewertet hat.
Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk und viele Spitzenpolitiker verkünden schnell ihr Urteil. Mit Zurückhaltung tun sie sich dagegen schwer, und das wird zum Problem, wenn sich ein Fall anders entwickelt als gedacht. Den größten Schaden hätten in so einem Fall die echten Opfer von Hass und Gewalt. Ihnen glaubt man jedes Mal ein Stück weniger, wenn sich ein Vorfall als Theater herausstellt.
Bis dahin gilt, was im Herbst 2026 offenbar auch manche Parteifreunde vergessen hatten: Erst kommen die Fakten, dann die Bewertung. Im Fall Uetersen arbeitet die Justiz jetzt nach. Der Ausgang ist offen.
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