
Werk-Aus in Rogätz: Theo Müller trifft AfD-Mann Siegmund zum Krisengipfel

Rund 160 Beschäftigte im Homann-Werk in Rogätz (Landkreis Börde) bangen um ihre Jobs. Molkerei-Patriarch Theo Müller hat nun nach Angaben der AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt einem persönlichen Gespräch mit deren Fraktionschef Ulrich Siegmund zugestimmt. Stattfinden soll es noch vor Weihnachten, also kurz nach der geplanten Wahl einer neuen Landesregierung Mitte Dezember.
Saucen im Glas: Ein Werk, das sich nicht mehr rechnet
Die Unternehmensgruppe Theo Müller will die Produktion in Rogätz bis Ende September 2027 einstellen. Hergestellt werden dort Saucen, die überwiegend im Glas verkauft werden. Und genau da liegt nach Darstellung des Konzerns das Problem.
Die Kunden griffen immer öfter zu anderen Verpackungen, die Fabrik sei deshalb schlechter ausgelastet. Dazu kämen eine Kostenstruktur, die nicht mehr wettbewerbsfähig sei, und ein hoher Investitionsbedarf. Trotz umfangreicher Bemühungen sei es nicht gelungen, das Werk wieder profitabel zu machen, teilte das Unternehmen mit.
Rogätz ist nicht der einzige Standort, den es trifft. Auch die Schnittkäserei der Tochter Sachsenmilch im sächsischen Leppersdorf soll schließen, dort arbeiten ebenfalls rund 160 Menschen. Damit stehen in zwei ostdeutschen Bundesländern zusammen etwa 320 Arbeitsplätze auf der Kippe.
Siegmund: Schuld trägt die Energiepolitik des Bundes
Die Initiative für das Treffen soll von der AfD-Landtagsfraktion ausgegangen sein. Bemerkenswert: Siegmund hält die Begründung des Konzerns für nachvollziehbar. Die Politik dürfe die schwierigen Rahmenbedingungen aber nicht einfach hinnehmen, meint er. Den Hauptschuldigen sieht er in Berlin:
„Die energiepolitischen Fehlentscheidungen auf Bundesebene haben unsere Unternehmen massiv unter Druck gesetzt.“
Diese Lasten wolle er auf Landesebene so weit wie möglich abfedern. „Es darf nicht bei politischen Absichtserklärungen bleiben“, sagte Siegmund außerdem. Mit Müller wolle er ausloten, welche konkreten Wege es für Rogätz noch gebe.
Der Befund trifft einen wunden Punkt. Hohe Strompreise, ausufernde Bürokratie und hohe Abgaben machen dem Mittelstand und der Industrie seit Jahren zu schaffen. Daran hat auch die schwarz-rote Koalition unter Friedrich Merz bislang wenig geändert. Wer im Glas- und Lebensmittelgeschäft mit knappen Margen kalkuliert, für den entscheidet jeder Cent pro Kilowattstunde über die Zukunft eines Standorts.
Machtpoker in Magdeburg
Politisch steckt in dem Termin einiges an Sprengstoff. Siegmund will sich im Dezember zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Die AfD kam bei der Landtagswahl im September auf 43,8 Prozent und hält 39 der 83 Sitze. Für die absolute Mehrheit fehlen ihr also mindestens drei Stimmen aus anderen Fraktionen.
Laut Medienberichten will die CDU-Fraktion bei der Wahl geschlossen den Plenarsaal verlassen. Der CDU-Abgeordnete Guido Heuer hat allerdings angekündigt, im Saal zu bleiben. Wie die Wahl ausgeht, ist offen. Siegmund tritt Müller also als Mann auf, der Regierungschef werden will.
Eine bekannte Nähe
Dass Müller zum Gespräch bereit ist, überrascht kaum. Der 86-Jährige kennt AfD-Chefin Alice Weidel seit Jahren. 2023 bestätigte er dem Handelsblatt mehrere Treffen mit ihr. Anfang 2024 nannte er sie gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung eine Freundin. Gleichzeitig betonte er, nicht alle Positionen der AfD zu teilen und die Partei nicht finanziell zu unterstützen.
Gewerkschaft sieht auch den Konzern in der Pflicht
Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) bewertet die Lage anders. Sie wirft dem Unternehmen vor, das Werk über Jahre zu wenig modernisiert zu haben. Rogätz sei früher sogar ein besonders ertragreicher Standort gewesen. Gemeinsam mit dem Betriebsrat fordert die NGG einen Sozialplan und eine Transfergesellschaft.
Ob Müller seine Entscheidung überhaupt noch einmal überdenkt, ist offen. Fest steht nur, dass er nach Angaben der AfD persönlich nach Sachsen-Anhalt kommen will. Für die Beschäftigten in Rogätz ist das wenigstens ein kleiner Hoffnungsschimmer. Unabhängig davon zeigt der Fall, wie stark die Kosten am Standort Deutschland inzwischen auf den Werken lasten.
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