
Brasiliens Machtwechsel naht: Bolsonaro-Sohn will China und USA zugleich

Flávio Bolsonaro steht kurz davor, die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas zu übernehmen. Bei einem Auftritt in Brasília kündigte der rechtskonservative Herausforderer am Donnerstag an, er wolle als Präsident mit Washington und Peking gleichermaßen zusammenarbeiten. Die Stichwahl gegen Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva findet am 25. Oktober statt.
„Ich werde mich auf keine Seite schlagen"
Der 45-Jährige gab sich betont pragmatisch. Er werde sich nicht für ein Lager entscheiden, sagte er sinngemäß. Seine Seite sei das brasilianische Volk, egal ob es um China, Israel, den Nahen Osten, Argentinien oder Indien gehe. Genau so wolle er regieren.
Ein bemerkenswerter Satz. Denn viele Beobachter hatten erwartet, dass sich der Sohn des Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro bedingungslos an die Seite von Donald Trump stellt. Stattdessen setzt er auf eine Doktrin, die man aus Berlin lange vermisst hat: nationale Interessen zuerst, Ideologie danach.
Peking hält den Schlüssel zur Wirtschaft
Der Grund für die Vorsicht liegt auf der Hand. Brasiliens Wirtschaft hängt am Tropf Chinas, das mit großem Abstand der wichtigste Handelspartner des Landes ist. Sojabohnen, Eisenerz und Rohöl fließen in gewaltigen Mengen ins Reich der Mitte. Wer in Brasília regiert, kann es sich schlicht nicht leisten, Peking vor den Kopf zu stoßen.
Gleichzeitig ist das Verhältnis zu Washington belastet. Im Sommer 2025 hatte Trump Strafzölle von 50 Prozent auf zahlreiche brasilianische Waren verhängt und dies auch mit dem Verfahren gegen Jair Bolsonaro begründet. Der Vater sitzt Medienberichten zufolge im Hausarrest und wurde wegen eines versuchten Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft verurteilt. Seine Anhänger sehen in ihm dagegen einen politischen Gefangenen.
Überraschungscoup im ersten Wahlgang
Im ersten Wahlgang am Sonntag lag Bolsonaro laut vorläufigem amtlichem Ergebnis mit rund 47 Prozent etwa zwei Punkte vor Lula. Die Umfragen hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorhergesagt. Der Herausforderer übertraf die letzte Datafolha-Erhebung vor der Wahl um rund fünf Punkte – eine schallende Ohrfeige für die Demoskopen.
Die Märkte jubelten. Brasilianische Anlagen legten kräftig zu, weil Investoren dem Konservativen eine marktfreundlichere Finanzpolitik zutrauen. Kein Wunder: Die Staatsverschuldung liegt Berichten zufolge bei über 82 Prozent der Wirtschaftsleistung. Viele Bürger klagen über steigende Lebenshaltungskosten und eine ausufernde Kriminalität.
Die Zahlen vor der Stichwahl
- 52 zu 48 Prozent der gültigen Stimmen für Bolsonaro laut neuer Datafolha-Umfrage
- plus/minus zwei Prozentpunkte Fehlermarge
- rund 159 Millionen Wahlberechtigte
Lateinamerika rückt nach rechts
Für Lula, inzwischen 80 Jahre alt und auf eine vierte Amtszeit aus, wird die Luft dünn. Laut Medienberichten hat in Brasilien noch nie der Verlierer des ersten Durchgangs die Stichwahl gewonnen. Zudem gelten die meisten ausgeschiedenen Kandidaten als konservativ. Ihre Wähler dürften eher Bolsonaro zufallen.
Ein Sieg würde Brasilien in eine Reihe konservativer Regierungen stellen, die Lateinamerika näher an die USA rücken – allen voran Javier Mileis Argentinien. Brasiliens rechtes Lager hat zudem Gouverneursposten erobert und im Kongress kräftig zugelegt. Ein Präsident Bolsonaro könnte also weitgehend ungebremst durchregieren.
Was das für Anleger bedeutet
Ob die Euphorie an den Märkten anhält, ist offen. Der Spagat zwischen Peking und Washington ist riskant, ein neuer Zollkrieg jederzeit möglich. In einer Welt, in der Großmächte um Rohstoffe und Einfluss ringen, zeigt sich einmal mehr: Politische Versprechen sind flüchtig, physisches Gold und Silber dagegen kennen kein Wahlergebnis. Als Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio können Edelmetalle helfen, solche Turbulenzen abzufedern.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Jeder Leser ist angehalten, eigene Recherchen anzustellen, und trägt für seine Anlageentscheidungen allein die Verantwortung.
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