
Hybridkrieg-Alarm: Wie viel Beweis steckt hinter der Russland-Angst?

Drohnen über Flughäfen, Brände, Kabelschäden: Fast täglich verbinden Politiker und Medien in Europa neue Vorfälle mit einem angeblichen russischen „Hybridkrieg“. Am 7. Oktober 2026 hat der italienische Publizist Thomas Fazi die Belege dafür ausführlich geprüft. Er kommt zu einem unbequemen Ergebnis: Viele Alarme hielten einer genaueren Prüfung nicht stand.
Fazi bestreitet nicht, dass Moskau Geheimdienste, Cyberoperationen und bezahlte Mittelsmänner einsetzt. Er fragt aber, ob die öffentlich bekannten Beweise das Bild eines umfassenden Angriffs auf Europa wirklich tragen.
Zählungen zwischen 52 und über 500 Vorfällen
Schon die Zahlen gehen weit auseinander. Je nach Bericht soll Russland seit Februar 2022 zwischen 52 und 255 hybride Angriffe in Europa verübt haben. Das ist ein Unterschied um das Fünffache, obwohl es um dieselbe Kampagne gehen soll. Ein Tracker aus Kiew kommt sogar auf mehr als 500 Vorfälle, die Russland „zugeschrieben“ werden oder einem bestimmten „Muster“ entsprechen.
Der Grund liegt in den Definitionen. Selbst das Londoner Institut IISS nennt Hybridkrieg einen „amorphen Begriff“. Laut Fazi stützen sich viele Datenbanken vor allem auf Presseberichte. Darin heißt es oft nur, Behörden hielten eine russische Beteiligung für „möglich“ oder „wahrscheinlich“.
Wenn die Schlagzeile lauter ist als die Korrektur
Fazi nennt mehrere Fälle, in denen ein schwerer Verdacht später kaum Bestand hatte:
- Von der Leyens Flug (September 2025): Berichten zufolge soll das GPS ihrer Maschine über Bulgarien gezielt gestört worden sein. Die Daten von Flightradar24 zeigten jedoch keine Störung, und die Maschine landete nur neun Minuten zu spät. Bulgariens Verkehrsminister erklärte, es gebe „nicht eine einzige Tatsache“, die eine gezielte Störung belege.
- Ostsee-Kabel (November 2024): Schnell war von Sabotage die Rede. Später gerieten Schiffe unter chinesischer und Hongkonger Flagge in den Fokus. Schweden fand keinen Beweis für Absicht.
- DHL-Absturz in Vilnius: Die damalige Außenministerin Annalena Baerbock brachte öffentlich einen möglichen Hybridangriff ins Gespräch. Die litauischen Ermittler nannten später einen Pilotenfehler als Ursache.
- Heathrow-Blackout (März 2025): Untersuchungen führten den Brand eines Umspannwerks später auf mangelnde Wartung zurück.
Das Muster ist laut Fazi immer ähnlich: Die erste Meldung verbreitet sich enorm, die Korrektur erreicht nur einen Bruchteil davon. Für das Vertrauen der Bürger in Politik und Medien ist das ein ernstes Problem.
Leipzig/Halle: Klare Worte, wenig öffentlich prüfbare Belege
Am politisch wichtigsten ist der Fall Leipzig/Halle. Am 4. August 2026 wurde dort eine mit Sprengstoff präparierte Drohne zwischen ukrainischen Frachtflugzeugen gefunden. Die Bundesregierung macht Russland dafür verantwortlich. Innenminister Alexander Dobrindt erklärte, Sprengstoff und Bauweise der Drohne seien aus anderen russischen Operationen bekannt. Ausgeführt hätten den Anschlag demnach sogenannte „Low-Level-Agenten“.
Berlin reagierte mit Sanktionen und schloss das russische Generalkonsulat in Bonn. Außenminister Johann Wadephul sagte, Deutschland sei zwar nicht im Krieg, aber ein „Kriegsziel“. Fazi kritisiert, dass bislang keine Belege vorliegen, die die Öffentlichkeit selbst prüfen kann. Moskau weist jede Verantwortung zurück.
Was vor Gericht übrig bleibt
Echte Sabotage gibt es durchaus. In Polen wurden zum Beispiel 14 Mitglieder eines Netzwerks verurteilt, das Hilfszüge für die Ukraine entgleisen lassen wollte. Fazi betont jedoch: In keinem dieser Verfahren wurde ein russischer Amtsträger identifiziert. Meist ging es um bezahlte Handlanger mit anonymen Auftraggebern.
Auch innerhalb der NATO klingen manche Stimmen vorsichtiger. Generalsekretär Mark Rutte sagte Medienberichten zufolge Anfang Oktober, es gebe keine unmittelbare Bedrohung für NATO-Gebiet. Fazi selbst spitzt seine Kritik deutlich zu: Er spricht von einer „Strategie der Spannung“, mit der Aufrüstung und Sonderbefugnisse gerechtfertigt würden. Diese These ist umstritten.
Der Bürger bezahlt die Rechnung
Unabhängig davon, wie man Fazis Thesen bewertet, bleibt eine Frage: Wer Milliarden für Aufrüstung ausgibt, Grundrechte einschränkt und das Land als „Kriegsziel“ bezeichnet, sollte dafür gute Beweise vorlegen. Die Bürger dürfen erwarten, dass Politik und Behörden klar unterscheiden: zwischen Verdacht und Beweis, zwischen Alarm und Gerichtsurteil.

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