
Maulkorb fĂŒr Selenskyj? Europa zittert vor Trumps Zorn

Europas Staats- und Regierungschefs wollen dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj beim EU-Gipfel am Freitag in BrĂŒssel offenbar ins Gewissen reden. Er soll seine öffentlichen Attacken auf US-PrĂ€sident Donald Trump zurĂŒckfahren. Das berichtet die Financial Times unter Berufung auf drei Personen, die mit den Gipfelvorbereitungen vertraut sind.
Der Ton soll verstÀndnisvoll sein, aber bestimmt. Was nach Diplomatie klingt, ist in Wahrheit ein EingestÀndnis: Ohne Washington kann Europa die Ukraine nicht verteidigen. Und das wissen alle Beteiligten.
âMan muss es nicht immer laut aussprechenâ
Ein Insider brachte das Dilemma gegenĂŒber der Zeitung auf den Punkt:
âEs mag stimmen, aber man muss es nicht immer laut aussprechen.â
Ein bemerkenswerter Satz. Er widerspricht Selenskyj in der Sache nicht, er rĂ€t ihm nur zum Schweigen. Europa will Kiew weiter unterstĂŒtzen und zugleich jeden neuen Krach mit Trump vermeiden. Beides auf einmal geht nur, wenn einer den Mund hĂ€lt.
Diesel, Despoten, Datenleitungen: Selenskyjs Abrechnung
Ausgelöst hat den Streit ein Interview, das Selenskyj selbst der Financial Times gegeben hat. Darin griff er vor allem Trumps Vereinbarung ĂŒber Importe von russischem Diesel an, die trotz bestehender Sanktionen zustande gekommen sei. Trump will damit die hohen Spritpreise drĂŒcken, die unter anderem wegen des Krieges der USA und Israels gegen den Iran stark gestiegen sind. Selenskyj warnt, Moskau verdiene so zusĂ€tzlich an seinen Energieexporten.
Dabei blieb es nicht. Trump bewundere autoritÀre Herrscher und Superreiche, sagte Selenskyj. LangjÀhrige Machthaber gÀlten dem US-PrÀsidenten als Inbegriff von StÀrke.
Am schwersten wiegt aber ein anderer Vorwurf: Die USA hĂ€tten Geheimdienstinformationen zurĂŒckgehalten, die die Ukraine zur FrĂŒhwarnung vor russischen Raketen brauche. Selenskyj nannte das âgefĂ€hrlichâ. Trump bestreitet, den Informationsfluss gestoppt zu haben. Auch die EU-Kommission und Nato-GeneralsekretĂ€r Mark Rutte erklĂ€rten, sie hĂ€tten keine Hinweise auf ein vollstĂ€ndiges Ende der Zusammenarbeit.
Starshield-Streit: Musk will Selenskyj loswerden
Richtig heiĂ wurde es beim Thema Starshield, der militĂ€rischen Version des Satellitennetzes Starlink. Die ukrainische Armee ist darauf angewiesen. Am Mittwoch seien die Verbindungen gedrosselt worden, klagte Selenskyj, und zwar mit Absicht und nicht wegen eines technischen Fehlers. UnabhĂ€ngig bestĂ€tigt war das zunĂ€chst nicht. SpĂ€ter meldete das Verteidigungsministerium in Kiew Verbesserungen. Inzwischen berichten Medien allerdings unter Berufung auf Insider, das WeiĂe Haus habe die EinschrĂ€nkung selbst angeordnet.
SpaceX-Chef Elon Musk betonte, Starshield werde von der US-Regierung gesteuert. Ăber Tempo und Nutzung entscheide das MilitĂ€r und am Ende der PrĂ€sident. Danach schrieb er auf X: âEs ist Zeit fĂŒr Selenskyj zu gehen.â Trump legte laut Medienberichten nach. Ein mögliches Abkommen werde es nur ohne Selenskyj geben, denn: âEr ist kein guter Mann fĂŒr uns zum Verhandeln.â
Raffinerien brennen wieder
Gleichzeitig kĂŒndigte Selenskyj an, wieder russische Ălraffinerien anzugreifen. Kiew habe damit vorĂŒbergehend aufgehört, nachdem Trump am Sonntag eine gegenseitige Waffenruhe fĂŒr Energieanlagen verkĂŒndet hatte. Russland habe aber weiter ukrainische Energieanlagen bombardiert. Eine neue Pause gebe es nur gegen zusĂ€tzliche Patriot-Abfangraketen. Am Donnerstag bestĂ€tigte der Gouverneur der Region Rjasan, Pawel Malkow, einen Brand auf einem RaffineriegelĂ€nde. Der Kreml wirft Selenskyj vor, die amerikanischen FriedensbemĂŒhungen zu sabotieren. Medienberichten zufolge nannte Trump die Angriffe eine âSchandeâ.
Merz will mehr Geld, Kallas mehr HĂ€rte gegen Moskau
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte in BrĂŒssel, man mĂŒsse alles tun, was in der eigenen Macht stehe, um die Ukraine zu unterstĂŒtzen. Es gehe um die politische Ordnung Europas insgesamt. Er forderte zusĂ€tzliche Mittel fĂŒr den Winter und das kommende Jahr. Die Frage, wer am Ende bezahlt, bleibt dabei offen. FĂŒr den deutschen Steuerzahler ist das nicht nebensĂ€chlich. Irlands Regierungschef MicheĂĄl Martin setzt weiter auf GesprĂ€che mit Washington.
Frankreichs AuĂenminister Jean-NoĂ«l Barrot betonte dagegen, zwei Drittel der Geheimdienstinformationen fĂŒr die Ukraine kĂ€men inzwischen aus Europa, vor allem aus Frankreich. Die EU habe zudem gerade sechs Milliarden Euro ĂŒberwiesen.
Die EU-AuĂenbeauftragte Kaja Kallas klang ganz anders als ihre Gipfelkollegen. Man mĂŒsse den Aggressor unter Druck setzen und nicht das Opfer, sagte sie laut Financial Times.
Europa spricht also wieder mit vielen Stimmen. Die einen wollen Selenskyj zur Ruhe bringen, die anderen wollen Putin hÀrter anfassen. Wie viel diese Uneinigkeit Europa am Ende kostet, ist noch offen.
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