
Tödlicher Schusswechsel in Tuttlingen: Warum war er noch hier?

Donnerstagmittag, mitten in der Tuttlinger Innenstadt, Schüsse im Innenhof des Rathauses. Ein 27 Jahre alter Afghane soll dort nach Angaben der Ermittler auf Polizisten gefeuert haben. Die Beamten schossen zurück, und der Mann starb noch am Tatort.
Medienberichten zufolge war er ausreisepflichtig, ein Abschiebeverfahren lief schon. Damit stellt sich wieder einmal die Frage, die viele Bürger inzwischen fast schon reflexhaft stellen.
20 Minuten Fahndung, dann fallen Schüsse
Den Ablauf schildern die Staatsanwaltschaft Rottweil und das Landeskriminalamt Baden-Württemberg in einer gemeinsamen Mitteilung. Danach fiel der Mann gegen 12.30 Uhr im Bereich des Rathauses auf, weil er eine Pistole in der Hand hielt. Die Polizei wurde alarmiert und begann zu suchen.
Rund 20 Minuten habe die „intensive Fahndung“ gedauert. Dann stießen die Einsatzkräfte im Innenhof auf den Gesuchten. Dort soll er unvermittelt das Feuer eröffnet haben. Beim folgenden Schusswechsel wurde er getroffen.
Die Beamten leisteten laut LKA sofort Erste Hilfe und riefen einen Rettungswagen. Der Mann musste wiederbelebt werden, doch die Versuche scheiterten. Weitere Menschen wurden nach offiziellen Angaben nicht verletzt. Bei so viel Blei in einer belebten Innenstadt grenzt das an ein Wunder.
Erst rausgeworfen, dann mit Waffe zurück?
Brisant ist, was vor dem Einsatz passiert sein könnte. Regionale Zeitungen berichten unter Berufung auf eigene Informationen, der 27-Jährige sei zuvor aus dem Rathaus geworfen worden und dann bewaffnet zurückgekehrt. Die Ermittlungsbehörden haben diese Darstellung bislang nicht bestätigt.
Die Stadt hatte aber eingeräumt, dass sich der Mann auch im Rathaus aufgehalten hatte. Ob dabei Mitarbeiter bedroht wurden, konnte ein Stadtsprecher zunächst nicht sagen. Das Rathaus blieb für den Rest des Tages geschlossen. Beschäftigte, die nicht mehr als Zeugen gebraucht wurden, durften nach Hause gehen.
Augenzeugen hörten fünf Knalle
Eine Passantin erzählte einer Lokalzeitung, sie sei gerade durch den Innenhof gelaufen, als es knallte. Erst habe sie an Feuerwerk gedacht. Dann seien Hektik und Schreie ausgebrochen. Mehrere Zeugen sprechen von fünf Schüssen. Offiziell bestätigt ist diese Zahl ebenso wenig wie die Frage, ob die Schäden an einer Glastür Einschusslöcher sind.
Polizeibekannt, ausreisepflichtig und trotzdem bewaffnet
Laut LKA lebte der Getötete in Tuttlingen und war bereits polizeilich in Erscheinung getreten. Weswegen, verraten die Ermittler bisher nicht. Nach Informationen des Südkuriers war er zudem ausreisepflichtig, ein Verfahren zur Abschiebung sei bereits gelaufen.
Aus Sicht unserer Redaktion ist genau das der eigentliche Skandal hinter dem Fall. Ein Mann, der das Land hätte verlassen müssen, läuft offenbar mit einer Pistole durch eine Kleinstadt in Baden-Württemberg. Wie kam er an die Waffe? Und warum ziehen sich Abschiebungen so oft endlos hin, bis es zu spät ist?
Der Fall fällt in eine Zeit, in der die Polizeiliche Kriminalstatistik Rekordwerte ausweist und die innere Sicherheit eines der wichtigsten politischen Themen im Land ist. Die Regierung Merz hatte bei der Migration eine Wende versprochen. Für viele Bürger zeigt Tuttlingen, wie weit Ankündigung und Wirklichkeit noch auseinanderliegen.
Was die Ermittler jetzt klären wollen
Staatsanwaltschaft und LKA wollen den genauen Ablauf rekonstruieren. Im Mittelpunkt steht nach eigenen Angaben das Motiv. Außerdem sollen unmittelbare und mittelbare Zeugen ermittelt und vernommen werden. Den Schusswaffengebrauch der Polizisten prüft wie vorgeschrieben das LKA.
Das ist rechtsstaatlich richtig. Die Beamten, die in diesem Innenhof ihr Leben riskierten, verdienen dabei aber vor allem eines: Rückendeckung. Die Politik muss sich unbequeme Fragen gefallen lassen, und zwar nicht erst nach dem nächsten Einsatz.
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