
Grüner-Stahl-Poker: Verzockt Berlin 5,9 Milliarden Steuergeld?

Rund 5,9 Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln sind für den Umbau von Thyssenkrupp, Salzgitter und der Saar-Stahlindustrie auf Wasserstoff zugesagt. Eine neue Analyse der Beratungsgesellschaft PwC stellt diese Wette nun grundsätzlich infrage. Ihr Ergebnis: In jedem der untersuchten Zukunftsszenarien verliert Deutschland einen großen Teil seiner Primärstahlproduktion.
Drei Szenarien, ein ernüchterndes Ergebnis
Die Berater verglichen Verfahren, Standorte sowie Kosten für Energie, Erz und CO₂. Im ungünstigsten Fall bleiben Strom und Rohstoffe in Europa teuer, der Importschutz bleibt löchrig. Dann wandert die Herstellung von neuem Stahl aus Eisenerz vor allem nach Indien und in die Golfstaaten.
Und im besten Fall? Selbst bei starker politischer Rückendeckung und günstigeren Energiepreisen entstehen die neuen Kapazitäten nach Einschätzung von PwC eher in Skandinavien, wo es reichlich billigen Ökostrom gibt. Deutschland bliebe vor allem das Schrott-Recycling und die Weiterverarbeitung. Für das einstige Herz der europäischen Schwerindustrie ist das eine ziemlich bittere Aussicht.
Wo die Milliarden hinfließen
Die Summen sind gewaltig. Ein Überblick:
- Thyssenkrupp Steel, Duisburg: rund zwei Milliarden Euro von Bund und NRW für eine Direktreduktionsanlage mit 2,5 Millionen Tonnen Kapazität
- Salzgitter AG, SALCOS: rund 1,322 Milliarden Euro, nachdem der Bund im Februar 2026 um etwa 322 Millionen aufgestockt hatte
- Saarstahl, Dillinger und ROGESA, Power4Steel: von Brüssel genehmigte Hilfen von bis zu 2,6 Milliarden Euro
Technisch geht es um die sogenannte Direktreduktion. Dabei entzieht man dem Erz den Sauerstoff nicht mehr mit Koks, sondern mit Gas, zunächst Erdgas und später grünem Wasserstoff. Die Sache hat einen Haken: Auch dieses Verfahren schluckt enorme Mengen Energie. Und genau die ist hierzulande teurer als fast überall sonst.
ArcelorMittal hat die Notbremse schon gezogen
Wie schwer die Rechnung aufgeht, zeigte bereits im Juni 2025 ArcelorMittal. Der Konzern beerdigte seine Pläne für grüne Anlagen in Bremen und Eisenhüttenstadt und verzichtete damit auf zugesagte 1,3 Milliarden Euro Förderung. Laut Unternehmen fehlte die Planungssicherheit bei Energiepreisen, Absatzmärkten und politischen Rahmenbedingungen.
Wenn ein Weltkonzern lieber auf geschenktes Geld verzichtet, als es zu investieren, sollte das in Berlin aufhorchen lassen. Kritiker sehen darin ein vernichtendes Zeugnis für den Standort, den jahrelange Energiewende-Politik teuer gemacht hat.
Eine Branche im Krisenmodus
Die Zahlen sind alarmierend. 2025 kochte Deutschland nur noch 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl, rund neun Prozent weniger als im Vorjahr. Die Auslastung fiel unter 70 Prozent. So wenig gab es seit der Wiedervereinigung zuletzt in der Finanzkrise 2009.
Im ersten Halbjahr 2026 zog die Produktion zwar auf 18,6 Millionen Tonnen an. Aufs Jahr gerechnet wären das aber nur etwa 37 Millionen Tonnen. Die Branche selbst hält 40 Millionen Tonnen für wirtschaftlich notwendig.
Zollmauer als Rettungsanker?
Brüssel rüstet auf. Seit Januar 2026 gilt der CO₂-Grenzausgleich CBAM vollständig. Seit dem 1. Juli 2026 sind die zollfreien Stahl-Importquoten um rund 47 Prozent gekürzt, darüber werden 50 Prozent Zoll fällig. Zusätzlich müssen Importeure nachweisen, wo der Stahl geschmolzen und erstmals vergossen wurde.
Das schützt die Hütten, verteuert aber Stahl für Maschinenbauer, Autoindustrie und Bauwirtschaft. Die europäische Industrie zahlt so am Ende die Rechnung doppelt. Ist der Kostenvorsprung der Konkurrenz groß genug, könnten selbst hohe Zölle die Lücke nach Einschätzung der Analyse nicht schließen.
Am Ende entscheidet der Strompreis
Ganz verloren sind die Milliarden laut PwC nicht zwangsläufig. Eigene Kapazitäten bleiben als strategische Reserve wichtig, Chancen sehen die Berater bei Spezialstählen und Hightech-Werkstoffen. Die neuen Anlagen allein machen die Hütten aber nicht wettbewerbsfähig.
Dafür braucht es dauerhaft bezahlbare Energie, genug Wasserstoff und Kunden, die für grünen Stahl mehr bezahlen. Solange die Politik keine dieser Bedingungen glaubwürdig liefert, bleibt der Stahlumbau eine Milliardenwette auf Kosten der Steuerzahler, und ihr Ausgang ist völlig offen.
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